Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Aufwachen in einen neuen Tag: Ich kann das sehr unterschiedlich erleben.
Wie auf einer Schwelle:
Manchmal ist da der Wunsch „noch einmal zurück“ in den bergenden Schlaf.
Ein anderes Mal: „Gut, dass diese Nacht endlich vorbei ist.“
Im Lied von Michael Weiße überwiegt die Erleichterung: „Der Tag bricht an und zeiget sich“. Es klingt als atme er auf. Die Nacht mit ihren dunklen Seiten hat ihn verschont. Vor 400 Jahren scheint die Erfahrung der ‚Nacht‘ noch unsicherer gewesen zu sein als heute. Mir kommt jedenfalls selten in den Sinn, so ausdrücklich danke zu sagen wie Michael Weiße, dass ich behütet geblieben bin.

Musik 1

Der Tag bricht an
Der Tag bricht an und zeiget sich. O Herre Gott wir loben Dich, wir danken Dir, Du höchstes Gut, dass Du uns die Nacht hast behüt:

Es ist gut, erleichtert den neuen Tag zu beginnen. Über die dunklen Seiten auch hellere zu legen. Michael Weiße lenkt den Blick darauf. Damit man sie auch sieht. Und damit aus Erleichterung nicht neue Sorge, sondern Vorfreude wird. -
Aber übrigens, es gibt auf diese Melodie von Melchior Vulpius auch noch einen zweiten Text. Und mit ihm versprüht dieses Lied dann nur leichten und heiteren Geist: Es gibt sie ja doch, die reine heitere Freude am Leben. Dieser andere Text ist von Martin Luther. Der hatte zwar auch oft Nachtgedanken. Aber in diesen hat ihm die Musik geholfen.
Sie war ihm geradezu der sinnliche Beweis, dass die Schöpfung gelungen ist. Und Singvögel, die einen am Morgen in den Tag hineinsingen, kamen ihm vor wie Botschafter Gottes.

Musik 2 

Die beste Zeit  Bärengässlin
1) Die beste Zeit im Jahr ist mein, da singen alle Vögelein. Himmel und Erden ist der voll, viel gut Gesang, der lautet wohl.

Morgens aufzuwachen ist wie über eine Schwelle zu gehen. Darum ist es doch ein Glücksfall, dass es zwei Versionen dieses Liedes gibt. Das textlich besonnenere „der Tag bricht an“ von Michael Weiße lässt einen dankbar zurückblicken, dass die Nacht gut gegangen ist und mit Luthers Text macht sich die Freude ganz stark. Musik ist eine göttliche Energiequelle, hat Luther darum einmal zu behaupten gewagt.

Musik 3:

„Die beste Zeit im Jahr“
„Nach der Theologie ist keine Kunst, die der Musik gleichzustellen wäre, weil sie allein das schenkt, was sonst allein die Theologie schenkt: ein ruhiges und fröhliches Herz.“

Ich kenne diese Wirkung von Musik auch. Aber sie stellt sich nicht immer ein. Darum ist es irgendwie genial, dass es neben Luther eben auch Michael Weiße gibt und seinen Text. Er öffnet darin einen zweiten Weg in den Tag, wenn man nicht so heiter und zuversichtlich ist: Er erinnert an die Kraft zu hoffen und er bittet, der Tag möge gut werden, erträglich, gesegnet. Mit seinen beiden letzten Strophen Ihnen einen guten Sonntag.

Musik 4   

der Tag bricht
5. Versorg uns auch, o Herre Gott, / auf diesen Tag,
wie’s uns ist Not, / teil uns dein’ milden Segen aus, /
denn unser Sorg richtet nichts aus.
6. Gib deinen Segen unserm Tun / und unsrer Arbeit
deinen Lohn / durch Jesus Christus, deinen Sohn, / unsern Herren vor deinem Thron.

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t : michael weiße 1531
m : melchior vulpius 1609

Musiken 1 und 4
„Der Tag bricht an“  track 11
aus CD 1 „Die Himmel rühmen“ Stuttgarter Hymnus Chorknaben
Profil edition Hänssler  LC 13287 
Musiken 2 und 3
„Die beste Zeit im Jar“ track B 02 von LP: Bärengässlin, Das thut dem alten Drachen Zorn
SWR Archiv: M0336446 012

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