Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 GL 839

Meine Tochter ist ein Jahr alt. Und sie erobert die Welt. Sie macht Schubladen auf und zu, klettert Treppenstufen hoch und will am liebsten immer weglaufen. Was sie auch oft macht ist: „Mama tanken“. „Mama tanken“ geht so: die Kleine kommt zu mir geschlichen, schmiegt sich an und will auf den Schoß genommen werden. Sie möchte dann eine Weile bleiben - so lange bis sie genug „Mama getankt“ hat.

„Geborgen in dir, Gott, lasse ich los, und liege sicher in Mutters Schoß.“ Dieser Satz stammt aus dem Lied „Geborgen in dir, Gott“. Es ist neu im katholischen Gesangbuch. Die Liedzeile passt wunderbar zum „Mama tanken“. 

Geborgen in dir, Gott, atme ich ein,

schöpfe ich Hoffnung aus Brot und Wein.

Geborgen in dir, Gott, lasse ich los

und liege sicher in Mutters Schoß.

Geborgen in dir, Gott, ruhe ich aus,

bin ich zufrieden, bei dir zu Haus,

geborgen in dir, Gott, ruhe ich aus,

bin ich zufrieden, bei dir zu Haus.

(Kinderchor St. Georg Bensheim Ltg. Gregor Knop, Vokalensemble am Wormser Dom Ltg. Dan Zerfaß, Singt Gott den neuen Lobgesang, hrsg. vom Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz, 2013)

 Das Lied beschreibt, wie entspannend es bei Gott sein kann. Bei Gott kann der Mensch auftanken: Ruhe zum Beispiel oder neuen Mut

Das ist so ähnlich, wie wenn meine Tochter bei mir „Mama tankt“.

Mir gefällt es gut, dass in diesem neuen Lied eine weibliche Seite von Gott auftaucht. Gerade weil es das Bild vom Mutterschoß aufgreift. Dass man das miteinander vergleicht: die Geborgenheit bei Gott und die Geborgenheit im Mutterschoß: das ist uralt. Das spielt schon zu Zeiten des Alten Testaments eine Rolle. Die hebräische Sprache kennt nämlich auch eine Gemeinsamkeit. Denn das hebräische Wort für Mutterschoß ist eng verwandt mit dem Wort für Erbarmen. Und Erbarmen wurde schon immer benutzt, um Gott zu beschreiben. Gott erbarmt sich wie eine Mutter, wie eine gute Mama.

Natürlich versuche auch ich eine gute Mama zu sein. Aber eigentlich ist das mit reiner Anstrengung gar nicht zu machen. Die innigen Momente mit meiner Tochter entstehen dann, wenn die Kleine mich einfach braucht. Wenn sie nach mir ruft und ich ihr dann weiterhelfen kann, einfach indem ich da bin.

In der zweiten Strophe klingt ein neuer Aspekt an.

 Orgelvorspiel zum Lied

 (Kinderchor St. Georg Bensheim Ltg. Gregor Knop, Vokalensemble am Wormser Dom Ltg. Dan Zerfaß, Singt Gott den neuen Lobgesang, hrsg. vom Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz, 2013) 

 (gesprochen) „Gerufen von dir, Gott, horche ich hin,

 frage ich staunend, wer ich wohl bin.

 Gerufen von dir, Gott, sage ich

mit dir verbunden, so bin ich da.“  

Wie oft am Tag rufe ich den Namen meiner kleinen Tochter. So richtig antworten kann sie noch nicht, aber hinhorchen, das macht sie. Der eigene Name wirkt eben. Vor allem, wenn ihn jemand ausspricht, mit dem ich in guter Beziehung stehe.

Ich wünsche meiner Tochter und mir, dass sich unsere Beziehung gut entwickelt. Und dass ich ihr helfen kann, wenn die großen Fragen kommen und das Leben sie vielleicht mutlos macht.

Im Lied von heute klingt das auch an. In der zweiten Strophe. Da heißt es, dass Gott als gute Mutter, mich persönlich ruft. Immer wieder. Die Antwort ist einfach: Ich brauche nur hinhorchen und ja sagen. „Ja, Gott, ich bin da. Geborgen in dir und mutig mit dir.“

 Gerufen von dir, Gott, horche ich hin,

 frage ich staunend, wer ich wohl bin.

 Gerufen von dir, Gott, bin ich genannt

 bei meinem Namen in deiner Hand.

Gerufen von dir, Gott, sage ich ja,

mit dir verbunden, so bin ich da.

Gerufen von dir, Gott, sage ich ja,

mit dir verbunden so bin ich da.

(Kinderchor St. Georg Bensheim Ltg. Gregor Knop, Vokalensemble am Wormser Dom Ltg. Dan Zerfaß, Singt Gott den neuen Lobgesang, hrsg. vom Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz, 2013)

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