Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Wenn ich dieses beschwingte Lied höre oder singe kann ich mir kaum vorstellen, dass es mitten im 30jährigen Krieg verfasst wurde - und ausgerechnet als Danklied nach dem Essen. Ein evangelischer Pfarrer, Martin Rinckart, hat es geschrieben. Das Grauen, das die Menschen in dieser Zeit erleiden mussten, ist unvorstellbar. Ich weiß nicht, wie es Martin Rinckert trotzdem gelungen ist, sein Lied „Nun danket alle Gott“ zu Papier zu bringen. Aus dem Lied, das von Versen aus dem apokryphen Buch Sirach inspiriert ist, spricht eine tiefe Lebensdankbarkeit. Vielleicht ist es ja so, dass Menschen, die den Hunger kennen und die Lebensgefahr, ganz anders dankbar sind für einen gefüllten Teller und für ihre Gesundheit. Ich empfinde es aber auch so, dass sich sein Lied trotzig gegen den Schrecken der Zeit wendet: Martin Rinckert will sich die Freude am Leben und an Gott nicht nehmen lassen, durch die Umstände nicht verzweifeln, er will sich ein fröhliches Herz bewahren! (Hier ausblenden) So entdeckt er die Güte Gottes, trotz allem Leid! Und er sehnt sich, gemeinsam mit all den gepeinigten Menschen, für die er als Pfarrer Verantwortung trägt, vor allem nach: Frieden!

Die Sehnsucht nach Frieden verbindet viele Menschen. So wundert es mich nicht, dass das Lied in viele Sprachen übersetzt worden ist. Im Evangelischen Gesangbuch finden sich auch die englische und die französische Übersetzung. Allerdings ist dieses Lied in seiner Geschichte auch vielfach missbraucht worden. Es wurde ausgerechnet anlässlich militärischer Konflikte gesungen, etwa während der Befreiungskriege gegen Napoleon. Der für mich schwerste Missbrauch, den dieses Lied erfahren musste, geschah, als es unmittelbar nach Bekanntgabe der Mobilmachung am 1. August 1914 in Berlin von der kriegsbegeisterten Menschenmenge angestimmt  wurde. Im Rückblick auf die Geschichte Martin Rinckarts erscheint dieser Gesang zum Beginn des 1. Weltkriegs nahezu obszön. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass manche Soldaten es später neu gesungen haben, nach den Erfahrungen der Schützengräben und des Stellungskrieges, und dann wieder mit der Innigkeit, mit der Martin Rinckart zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges um Frieden gebetet hat, um den edlen Frieden und um die Erlösung aus aller Not. Ich glaube, mit dieser Innigkeit wurde es auch bei der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen 1955 aus dem Lager Friedland gesungen.

Das Lied mündet in einen trinitarischen Lobgesang. Für mich bedeutet das: Aus allen menschlichen Rätseln und Verwirrungen, aus allem Schrecken und aller Todesnot gibt es doch eine Zuflucht, eine Wirklichkeit, die unsere oft so grausame und furchtbare menschliche Wirklichkeit übersteigt. Wenn auch alles zerbricht, was mir in dieser Welt wichtig ist: Gott bleibt bestehen. Manche mögen das für einen billigen Trost halten. Ich meine, es ist eine Wirklichkeit, die mich letztlich hält.

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„Nun Danket Alle Gott“; track 2 aus CD: Erschallet, Trompeten!
Lucerne Chamber Brass & Pater Theo Flury
Animato  LC 05187
Nun danket alle Gott. Track 31aus CD Aus meines Herzens Grunde, CD 2, Carius 83.015

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