Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen…“.

Todernst mahnt Johann Sebastian Bach an das Ende zu denken, um des Lebens willen.
Unser Leben hat Grenzen.
Am deutlichsten wird das, wenn mir bewusst wird: ‚auch ich muss sterben.‘
Der biblische Psalm 90 konfrontiert mich damit.
Und verspricht zugleich: „dass wir klug werden.“ Wenn wir unsere Endlichkeit bedenken. Der Evangelische Kirchentag in Stuttgart kreist in diesen Tagen um dieses ernste Versprechen.
Aber kommt es auch an?
Wird jeder klug für ein gutes Leben, wenn er seine Endlichkeit spürt?
Manchen macht das Ende Angst. Das Leben wird schwer vor so viel Ernst.
Ist man in Angst noch frei, klug zu werden?
Andere wissen, das Leben ist endlich, aber verdrängen das:
‚Alles auskosten. Leben nur in der Gegenwart, als gäbe es kein Morgen.‘
In so einem Leben, das scheinbar keine Grenze hat, vergesse ich, dass
meine Tage gezählt sind und verliere jedes Maß.

Wie finde ich zu einem klugen Leben zwischen Angst und Verdrängung?
Diese Mitte suchen auch Thomas Laubach und Judy Bailey in ihrem Lied zum Kirchentagsmotto. „Klüger, weiser… machst du mich, mein Gott“ heißt es im Refrain.
So ernst wie Bachs Trauerkantate klingt ihr „Klüger, weiser“ nicht. Sie stellen sich der Endlichkeit, aber in einem leichteren Ton. Vielleicht hoffen die beiden, dass so ihre ernsten Fragen eher eingehen.

Was ist gut, was ist gerecht, 
was ist lebendig und echt?
Lass es mich versteh‘n, was wirklich zählt.
Gib mir dein Wort für mein Herz,           
gib mir ein Herz für dein Wort,    
das mich trifft und trägt auf meinem Weg.

Es braucht ein Herz, um klug zu werden. Diese Erfahrung prägt das Verständnis des Menschen in der Bibel. Und bleibt gültig. Lebensklug werde ich, wenn ich „mit Herz“ denke.
Bildung braucht Verstand, aber ich muss mich auch einfühlen können in andere, tatkräftig sein und mitfühlend. Und ohne sittlichen Kompass kann ich mir Bildung auch nicht vorstellen. Zusammen machen sie „klug“. Und lebensklug macht vor allem, dass ich Fehler mache und das weiß.
So gesehen, erwächst Klugheit daraus, dass wir Grenzen bedenken und beachten. Wir sind endlich, aber das ist kein Grund zur Angst.
Die zweite Strophe des Liedes „klüger, weiser“ erinnert mich an Gottes Nähe und bittet um Orientierungswissen. Vielleicht können beide sie annehmbar machen, unsere Endlichkeit.

„Du bist, noch ehe ich bin,
du wirst sein, wenn ich schon war.
Halte lebenslang zu mir, mein Gott.
Öffne mein Herz für dein Wort.
Öffne dein Wort für mein Herz,
das mich reifen lässt und leben lehrt.

„Öffne dein Wort für mein Herz.“ Gott möge eine Sprache finden, die mich erreicht. Gott und Mensch mögen sich beide öffnen.
Mein Schritt, Gott zu hören, könnte sein, dass ich wirklich lebensklug werden möchte. Nicht nur klug für mich. Vielleicht gehen wir dann endlich Wege, die wir von allein nie gehen würden.

Klüger, weiser, leichter, reicher
Machst du mich, willst du mich, du mein Gott

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Musik 1 „Ach Herr, lehre uns bedenken“ track 3 aus
            CD Bach/Gardiner, Easter Oratorio, Actus Tragicus 
            SDG (Harmonia Mundi) 2014   LC Nummer 03505
Musik 2 – 4   „klüger, weiser“  track 1 aus  CD ZeitWeise.
            CD zum Liederbuch   T: Thomas Laubach u. Judy Bailey M: Judy Bailey 
                         DEKT 2015  SCM Hänssler  LC 07224  

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