Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(Sequenz zum Pfingstfest) GL 343

In der traditionellen katholischen Kirchenmusik ist die Gregorianik das Höchste der Gefühle. Ein einstimmiger Mönchsgesang. Tausend Jahre alt. Sein Ziel: die Worte und Gedanken der Bibel zum Klingen zu bringen. Und dabei möglichst präzise mit Tönen zu formen, was die Texte in sich bergen.

Veni Sancte Spiritus

Et emitte caelitus

lucis tuae radium.

 

Komm, Heiliger Geist,

und sende vom Himmel her

einen Strahl deines Lichtes.


Komm! Vater der Armen – Geber der Gaben – Licht der Herzen. 

Behutsam umspielt der Gesang die Bitte. Komm, heiliger Geist! Er beginnt und endet zunächst in der tiefen Lage. Unten. Bei uns. Da wo die Musik auf unserer Erde spielt. Der Klangraum ist anfangs begrenzt. Wohl deshalb, weil die Bitte ja aus dem Alltag der Menschen kommt. Und weil sie dort wieder ankommen muss, wenn sie erhört wird. Für den, der diesen alten Hymnus singt, ist klar, dass sich etwas ändern muss. Aber wer kann helfen? Um die Antwort auf diese Frage geht es im Lied dieses Sonntags. Wer hilft? Wer hört? Wer ist da, wenn man ihn braucht? Gottes Geist. Dem wird Erstaunliches zugetraut: Er bringt Licht ins Dunkle. Er verliert die Armen nicht aus dem Blick. Er hat zu geben, wo jemandem etwas fehlt. Er tröstet und erfrischt.

So und mit noch viel mehr schönen Bildern hat Stephen Langton um 1200 beschrieben, wie der Geist Gottes wirkt, wie er sich zu erkennen gibt. Er wird charakterisiert als Helfer in allen Lebenslagen. Kein Problem, das ihm nicht vertraut wäre. Keine Not, aus der heraus man nicht zu ihm rufen könnte. Das ist schon ein bisschen unheimlich. Aber es kommt noch besser.

Sine tuo numine --- nihil est in homine.

Ohne dich – den heiligen Geist – ist alles nichts.

Kann man, darf man so absolut sprechen? Dazu gehört wohl eine gehörige Portion Glauben. Wer so singt, hat großes Vertrauen. Und höchstwahrscheinlich Erfahrungen gemacht, die ihm das Vertrauen dazu schenken.

Für die Ohren des modernen, aufgeklärten Menschen hört sich das wie eine Einbildung an. Die schöne Phantasie eines frommen Idealisten. Wenn da nicht die Sehnsucht in mir wäre, dass Gott tatsächlich etwas verbessern kann - an der Not, die mir begegnet.

Wenn ich mich furchtbar aufrege und schon drauflos meckern will – dann könnte ich jenen Vers beten: In der Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu … Wenn die Freundschaft zwischen mir und einem anderen eingeschlafen ist, erstarrt, dann erinnere ich mich: Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt …

Der Geist Gottes braucht eine besondere Fähigkeit von uns. Nämlich die, unterscheiden zu können. Ich muss üben, ihn zu spüren, zu verstehen. Er ist leicht und unscheinbar. Er wird leicht übersehen. Er wirkt in der Ruhe, nicht im Lärm. Er ist dort, wo das Durcheinander im meinem Kopf verschwindet. Vielleicht hat Stephan Langton deshalb so gedichtet, wie in diesem Lied, der Sequenz zum Pfingstfest, bis heute gesungen wird:

Gib dem Volk, das dir vertraut,

das auf deine Hilfe baut,

deine Gaben zum Geleit.

 

Aufnahme

M0271722-024, 3'03

Veni Sancte Spiritus Pfingst-Sequenz für Frauenstimmen a cappella

Choralschola Abtei Oberschönenfeld

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19887