Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Schemelli Gesangbuch Nr. 938, NBA Nr. 68 

 Kommt wieder aus der finstern Gruft, 
ihr Gott ergebnen Sinnen!
Schöpft neuen Mut und frische Luft,
blickt hin nach Zions Zinnen;
denn Jesus, der im Grabe lag,
hat als ein Held am dritten Tag
des Todes Reich besieget. 

Mit der Feier von Ostern sind wir nicht so schnell fertig. Sieben Wochen lang, bis Pfingsten, feiert die Kirche die Auferstehung Jesu. Und außerdem gilt seit der Zeit der frühen Kirche jeder Sonntag als ein kleines Osterfest.

Auch die Versuche, Ostern zu verstehen, auszudrücken oder darzustellen, sind noch lange nicht am Ende. Wir haben ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert gehört. Es stammt aus einem Gesangbuch von Georg Christian Schemelli; die fast tausend Lieder, die es enthält, waren vermutlich für Hausandachten bestimmt. Johann Sebastian Bach hat an der Vertonung mehrerer Lieder mitgewirkt.

„Kommt wieder aus der finstern Gruft, / ihr Gott ergebnen Sinnen! … denn Jesus, der im Grabe lag, / hat als ein Held am dritten Tag / des Todes Reich besieget“: An die barocke Sprache müssen wir uns erst gewöhnen. Doch der Gedankengang ist klar: Jesus ist gestorben, aber nicht im Grab geblieben. Deshalb haben das Dunkle und der Tod nicht das letzte Wort, und sie sind auch nicht der letzte Ort, der uns Menschen bleibt. 

Im Neuen Testament lädt der Auferstandene mehrmals seine Jünger zu einem Mahl ein. Er teilt mit ihnen sein Leben, und er teilt ihnen sein Leben mit. Diese Einladung gilt bis heute; sie ist der Grund und die Mitte des christlichen Gottesdienstes: „Zum Siegel solcher Seligkeit gibt uns der Herr zu essen die Speise der Unsterblichkeit.“ Mit Bildern aus der Bibel umschreibt der Verfasser, was in der Feier der Eucharistie geschieht: Das Lamm, das geopfert wurde, wird zum Gastgeber. Die Speise, die wir empfangen, schenkt ewiges Leben.

Gott, unserm Gott, sei Lob und Dank,
der uns den Sieg gegeben,
der das, was hin ins Sterben sank,
hat wiederbracht zum Leben.

Der Sieg ist unser: Jesus lebt,
der uns zur Herrlichkeit erhebt,
Gott sei davor gelobet.

 

„Gott, unserm Gott, sei Lob und Dank, / der uns den Sieg gegeben, / der das, was hin ins Sterben sank, / hat wiederbracht zum Leben“: Die letzte Strophe lobt Gott und dankt ihm dafür, dass Jesus lebt und dass wir leben. 

Die Versuche, Ostern auszudrücken, sind noch lange nicht am Ende. Fast dreihundert Jahre nach dem Gesangbuch von Georg Christian Schemelli ist das Gedicht osterspaziergang von Andreas Knapp entstanden. Die Bilder entstammen unserer Gegenwart. Doch die Botschaft ist die gleiche. Und es bleibt die Einladung, sich ergreifen zu lassen: 

bei licht besehen
ist das grab kein endlager mehr
überwältigt betrete ich
den aufwachraum ins unbegrenzte
 

Musik:

J. S. Bach, Die kompletten Werke. Bohemian Music Service. MM 4193-2 „Licensed under permission of Hänssler Classic“. CD 4, MM 4088-2 “Ein Choralbuch für Johann Sebastian: Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatis”. Track 6: „Kommt wieder aus der finstren Gruft“: Geistliches Lied BWV 480, Choralsatz BWV deest / Wiemer 10.

Sibylla Rubens, Sopran; Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart; Leitung: Helmuth Rilling 

Textzitat:

„osterspaziergang“: Andreas Knapp, Heller als Licht. Biblische Gedichte. Würzburg: Echter 2014, S. 72.

 

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