Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Ach! Ein Wort wie ein Seufzer.
Manchmal kommt es, einfach so, aus tiefster Seele. Wenn die Gedanken im Kopf so viele sind, dass sie sich nicht mehr in einzelne Worte oder gar Sätze ordnen lassen. Wenn etwas weh tut, im Körper oder in der Seele, und der Schmerz keine andere Möglichkeit findet, sich auszudrücken. Oder wenn Dinge schief laufen und im Moment nicht abzusehen ist, wie ich das ändern könnte. Ach!

Orgelvorspiel Windsbacher Knabenchor, 

Dem Pfarrer und Theologieprofessor Josua Stegmann muss es auch oft so gegangen sein. Er hat im Jahr 1627 ein ganzes Lied voll „Ach“ gedichtet. Ein Lied voller Seufzer – und voller Bitten, die sich daran anschließen. Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ!

Strophe 1 und 2 Windsbacher Knabenchor,

Ach, bleib… so bittet Stegmann Jesus. Bleib mit dem, was du uns geben kannst. Mit dem, was wir brauchen, um vom „Ach“ wieder zu Kräften und zu Worten zu kommen.

Was ist das? Nun, sehr anschaulich ist es nicht, worum Stegmann bittet: Gnade, Segen...

Karg-Elert, Choral-Improvisation, 

Trotzdem: Mir gefallen seine Strophen, die Melchior Vulpius vertont hat. Ein zum Lied gewordenes Gebet. Für mich wirkt es, als bauten Musik und Text einen Schutzraum aus Worten um mich herum.

Ach, bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ

dass uns hinfort nicht schade, des bösen Feindes List.

Ach, bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert,

dass uns sei hier und dorte, dein Güt und Heil beschert.

Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht;

dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

Vielleicht ist es ja tatsächlich genau das, was ich brauche, wenn ich nur noch seufzen kann. Dass ich gnädig sein kann mit mir selbst und anderen, weil ich weiß – da ist auch einer gnädig mit mir. Dass mir jemand etwas Freundliches sagt – oder ich mir ein freundliches Wort gemerkt habe. Dass ich Mut habe, Licht ins Dunkel zu bringen – auch wenn die Wahrheit unbequem und ein kleiner Selbstbetrug so einfach ist.

Mit seinen Seufzerstrophen – und das finde ich spannend – hat der Theologieprofessor Josua Stegmann nebenher auch noch ganz geschickt ein Stück christliche Gotteslehre verdichtet. Er zeigt: Über Gott spricht man am besten, wenn man mit Gott spricht – im Gebet. Und er macht deutlich: Die Eigenschaften des Gottes, der auf die Erde gekommen ist, sind nämlich nicht mehr allein Gottes Eigenschaften. Sie sind nicht mehr Eigenschaften, die Gott zu Gott machen und den Graben zwischen Gott und Mensch markieren. Im Gegenteil: Die Eigenschaften des christlichen Gottes kommen den Menschen zugute und werden ihnen auch zuteil, wie Stegmann es beschreibt: Gottes Treue – das bedeutet nicht nur, dass Gott treu ist, sondern dass er uns auch beständig macht.

Windsbacher Knabenchor Strophe 5-6, 

Ach! Vom Seufzen zum Reden ist manchmal ein weiter Weg. Ein Lied kann da eine Zwischenstufe sein: Wenn sich dem Ach! Worte anschließen, die ein anderer für mich gefunden hat. Und die Musik hilft, dass der Mund sich öffnet.

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