Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 291

Über den Tod Jesu am Kreuz etwas zu sagen, das andere gleich verstehen, ist schwer. Viele Theologen vermeiden es nach Möglichkeit. Und auch die Liederdichter machen lieber einen Bogen um dieses Thema – zumal die modernen. Allzu umstritten ist das Kreuz heute. Die einen wollen am liebsten, dass es von allen öffentlichen Orten verschwindet. Viele können sich nicht mal andeutungsweise vorstellen, was es damit auf sich hat. Weil sie nie etwas darüber gehört haben. Und tatsächlich lässt sich auch nicht einfach erklären, was das Kreuz bedeutet.

Der niederländische Liedschreiber Willem Barnard hat es mit seinem (Passions-) Lied
Holz auf Jesu Schulter probiert.
Ich finde, es ist ihm erstaunlich gut gelungen. Mit schlichten Gedanken beschreibt er vor allem, was es in unserer Zeit bedeutet: dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Was habe ich davon? Welche Konsequenzen hat das für die Rahmenbedingungen des Lebens, für unsere Welt? 

Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,
ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.
Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn.
Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn. 

Das verfluchte Holz wird zum Lebensbaum, sagt er. Und vermeidet es damit zunächst, das Wort vom Kreuz überhaupt in den Mund zu nehmen. Erst die letzte von sechs Strophen löst sozusagen das Rätsel auf:
Hart auf deiner Schulter, lag das Kreuz, o Herr, ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer.
Dieser eine Gedanke zieht sich durch das Lied wie ein roter Faden – immer dann, wenn die Melodie nach oben aufsteigt: Am Kreuz ist nicht das Ende. Das Holz ist nicht abgestorben, tot. Es gibt ein Ziel, das über den Tod hinaus geht. Gott hat es an Jesus gezeigt. Und uns das Gleiche versprochen. Früchte des Kreuzes. Der Dichter zählt sie im Lauf seines Liedes auf: Wer mit Jesus geht, findet Frieden im eigenen Innern. Gott lässt nicht zu, dass die Welt untergeht. Es ist Gott nicht egal, was mit dem geschieht, was er gemacht hat. Da ist ein Sehnen in jedem Geschöpf – nach Sinn und Würde. Das soll an ein gutes Ende gelangen. Das Kreuz zeigt, wie das geht, wie anders wir denken müssen. Gewalt und Hass können das Gute nicht überwinden, wenn es in uns lebt. Darum bittet das Lied. 

Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt
Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt.
Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.
Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht. 

In zwei Wochen ist Ostern. Die Christenheit feiert, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Wer das auch will, kann sich daran aufrichten und orientieren. Unsere Welt ist voll von Kriegen und Auseinandersetzungen. Es gibt soviel Unmenschliches, das Menschen Leid zufügt. Wir betrügen uns um unsere eigenen Möglichkeiten, wenn wir nur an uns denken, auf unseren Vorteil bedacht sind. Wir haben große Zweifel, ob das alles einen Sinn gibt, was wir erleben. Das ist die Realität. Sie ist hart und oft traurig. In diese hinein zu singen, macht uns das Lied dieses Sonntags Mut. 

 Aufnahme:
Chor der Kirchengemeinde St. Peter und Paul Reutlingen
Chorsatz und Leitung: Regionalkantor Martin Neu.

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