Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Chor des Evangelischen Sängerbundes

Jesus ist kommen – das ist eines der wenigen Kirchenlieder, auf das man Walzer tanzen kann.
Ich mag es sehr für seinen fröhlichen Schwung – auch wenn die Art der religiösen Sprache, die es spricht, nicht meine ist. Aber gerade in den ersten beiden Strophen ergänzen sich Text und Melodie auf besondere Weise. Um Freude geht es da – und um Freiheit.

Bläser - Weihnachtsmusik aus Deutschland

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude;
A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide;
Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!
Himmel und Erde, erzählt‘s den Heiden:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.

Jesus ist kommen, nun springen die Bande,
Stricke des Todes, die reißen entzwei.
Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden;
er, der Sohn Gottes, der machet recht frei,
bringet zu Ehren aus Sünde und Schande;
Jesus ist kommen, nun springen die Bande.

Man spürt es den Zeilen ab: Da fühlt sich einer wirklich froh und befreit. Was aber war es, das den Köthener Pfarrer Johann Ludwig Konrad Allendorf, der diese Zeilen 1736 gedichtet hat, in solche Hochstimmung versetzte? Was hat ihn dazu bewogen, seiner frommen Dichtung die Melodie eines Tanzliedes zu geben?
Allendorf, der als Seelsorger am Hof in Köthen tätig war, hat in Halle bei August Hermann Francke studiert. Dort ist ihm klar geworden: Die Botschaft von Jesus, der Sünden vergibt, ist kein kompliziertes theologisches Lehrstück, dass nur von spitzfindigen Gelehrten traktiert wird. Nein, diese Botschaft hat tatsächlich etwas mit mir und meinem gelebten Leben zu tun, mit meinem Scheitern und meiner Hoffnung.

Bläser - Weihnachtsmusik aus Deutschland

Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden
Komme, wen dürstet, und trinke, wer will!
Holet für euren so giftigen Schaden
Gnade aus dieser unendlichen Füll!
Hier kann das Herze sich laben und baden.
Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.

Es geht um mich, um mein Herz – und um das, was ich tue. Die Wiederentdeckung dieser Erkenntnis war eines der großen Verdienste der frühen Pietisten. Wie viele andere fühlte sich Allendorf davon tief berührt. Er erkundete seine eigene Seele, er schaute sehr genau auch auf die Schattenseiten – und hatte trotzdem das Gefühl, getragen zu sein von Gottes Liebe. Diese Erfahrung war für ihn prägend, aufrüttelnd – und befreiend.

Wenn ich Allendorfs mitreißendes Lied höre, denke ich aber auch dran, wie leicht die Begeisterung für diese neue Art zu glauben auch in Zwang und Enge umschlagen konnte. Dass Tanzlied wurde weiter gesungen, das Tanzen selber aber als sündhaftes Treiben verdammt – was für ein Widerspruch!

Trotzdem glaube ich: Jesus ist kommen – das ist tatsächlich, trotz allem Missbrauch, im Kern eine befreiende Botschaft, die es sich weiterzusagen lohnt:

Choräle auf der Gitarre

Dass Gott nicht vom Himmel aus zusieht, wenn es mir schlecht geht, sondern mir ganz nahe kommt und tatsächlich mit-leidet. Dass nicht meine Pläne das Maß der Dinge sind und mein Wert nicht von meinem Erfolg abhängt, sondern mich Gott ganz unabhängig davon, wie Allendorf dichtet, „zu Ehren“ bringt, das ist in der Tat eine gute Nachricht. Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben, heißt es in Allendorfs Lied. Das kann ich lebensfroh feiern mit Tanz und Musik – oder auch ganz still vergnügt genießen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19134