Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 GL 245

Heute morgen möchte ich Ihnen noch einmal ein Weihnachtslied vorstellen. Der Heilige Abend liegt schon zweieinhalb Wochen zurück, aber in den Kirchen sind die Gottesdienste heute noch immer weihnachtlich geprägt. Das Weihnachtsfest darf noch ein bisschen nachklingen oder auch nachwirken hinein in dieses Neue Jahr.

Menschen, die ihr wart verloren, lebet auf, erfreuet euch!

 Heut ist Gottes Sohn geboren, heut ward er den Menschen gleich.

  Lasst uns vor ihm niederfallen,

ihm soll unser Lob erschallen:

„Ehre sei Gott, Ehre sei Gott,

Ehre sei Gott in der Höhe!“

(Ruth Sandhoff, Götz Payer, Aus meines Herzens Grunde GL 245, CD-Nr. 83.015, Carus-Verlag) 

Der Komponist und Dichter Christoph Verspoell hat dieses Lied vor 200 Jahren in Münster geschaffen. Dort ist es auch heute noch sehr beliebt. Kein Wunder, denn die Melodie ist galant und lebendig. Text und Töne passen vor allem in der ersten Strophe gut zusammen. Wenn es heißt: „Lebet auf, erfreuet euch.“ springt die Melodie nach oben und beim „niederfallen“ ertönt ein Seufzer nach unten. Diese beiden Richtungen –nach uoben und nach unten – sie markieren die erste wichtige Botschaft im Lied: Gott kommt an Weihnachten von oben nach unten und der Mensch ganz unten rückt dadurch ein Stück höher. Aber nicht nur das.

Wenn der Mensch diesen Gott lobt und anbetet, dann lebt er auf. Dann kommt Freude ins Leben. Denn der Gott von Weihnachten ist nicht mehr in der Höhe zuhause, dort wo man sich ihn als mächtigen und glänzenden Herrscher vorstellt. Seit Weihnachten wohnt er unten, dort wo es arm und trostlos zugeht, wie es bei Menschen eben sein kann.

Menschen, die sich selber auch arm und trostlos fühlen, können vielleicht getröstet werden, wenn sie wissen, dass Gott auch arm war und dass der erwachsene Jesus von Nazareth auch trostlose Situationen durchlebt hat

Wenn dieser Aspekt von Weihnachten im Leben nachklingen kann, dann kommt der Mensch ein Stück heraus aus der eigenen Tiefe. So gesehen steckt in Weihnachten wirklich eine große Botschaft. 

 Welche Wunder reich an Segen stellt uns dies Geheimnis dar!

  Seht der kann sich selbst nicht regen, durch den alles ist und war.

(Ruth Sandhoff, Götz Payer, Aus meines Herzens Grunde GL 245, CD-Nr. 83.015, Carus-Verlag)

„Seht, der kann sich selbst nicht regen, durch den alles ist und war.“ Was für ein hochtheologischer Satz. In der Sprache des frühen 19. Jahrhunderts heißt er doch nichts anderes als das: Der Gott, der die Welt erfunden hat und der eigentlich alles kann, der ist jetzt plötzlich ein Säugling, der nichts kann – der sogar stirbt, wenn er nicht gepflegt und behütet wird. Gott ist allmächtig und doch macht er sich abhängig.

Markus Burger, Jan von Klewitz, Menschen die ihr wart verloren, Spiritual Standards One, LJ 11562, Jazzline, Gesamtzeit 53,21) 

Das ist es, was Weihnachten in der Tiefe bedeutet. Wer das wirklich verstehen möchte, der braucht sicher Zeit, und er muss vertrauen können. Der Lieddichter Verspoell hat das in seinen Worten auch formuliert. Wir haben es eben gehört: „Welche Wunder reich an Segen stellt uns dies Geheimnis dar“. Vielleicht ist dieses Geheimnis von Weihnachten besser zu verstehen, wenn der Trubel der Festtage längst vorbei ist. Wenn Weihnachten noch nachklingen kann. 

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