Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Als ich bei meinen Schafen wacht,

ein Engel mir die Botschaft bracht.

Des bin ich froh, bin ich froh.

Froh, froh, froh, froh, froh, froh!

Benedicamus Domino!

An der Krippe bei mir zu Hause gibt es einen Hirtenjungen. Er ist meine Lieblingsfigur. Die Künstlerin hat ihn so geschnitzt, dass er auf dem Bauch liegt, das Kinn auf seine Hände gestützt. Er schaut zum Stall hin, zum Kind, dass dort in der Krippe liegt. Und staunt. Er wundert sich über das, was er erlebt hat - in jener Nacht, die anders war als die Nächte vorher.

Als Kind habe ich mir oft vorgestellt, wie es wäre, dabei zu sein. Draußen mit den Schafhirten bei ihrer Herde. Als sich auf einmal etwas verändert, der Himmel sich verwandelt und Gott den Hirten eine Nachricht zukommen lässt, durch einen Engel:

Er sprach: „Der Heiland Jesus Christ

zu Betlehem geboren ist!“

Des bin ich froh, bin ich froh.

Froh, froh, froh, froh, froh, froh!

Benedicamus Domino!

Der junge Hirte hat alles in seiner Erinnerung bewahrt. Es ist so wunderbar für ihn, dass er es immer wieder hervor holt aus seinem Gedächtnis. Und damit es auch bestimmt nicht verloren geht, - so stelle ich mir vor - könnte er ein schlichtes schönes Lied dazu gedichtet haben. So ähnlich wohl wie das, über das ich heute spreche: „Als ich bei meinen Schafen wacht.“ Das Lied stammt aus dem Jahr 1621, und sein Verfasser ist unbekannt. Wie passend!

Es ist in der Ich-Form geschrieben. Das macht es noch einfacher, mich hinein zu denken in die Welt da auf den Feldern bei Betlehem. Diese einfachen Leute erreicht Gott als erstes. Ihnen traut er offenbar zu, dass sie dem Engel glauben und die himmlische Erscheinung nicht als Hirngespinst abtun. Wenn die Geburt von Jesus bekannt werden soll, dann braucht er Menschen, die das mitbekommen, die sich ein eigenes Bild davon machen und dann anderen davon erzählen.

Das Kind zu mir die Äuglein wandt,

mein Herz gab ich in seine Hand.

Des bin ich froh, bin ich froh.

Froh, froh, froh, froh, froh, froh!

Benedicamus Domino!

Einmal durfte ich hörbar und ausdrücklich in die Rolle des Hirtenjungen hinein schlüpfen. Ich war wohl zehn Jahre alt, und der Chor, in dem ich mitsang, hatte an Weihnachten einen Auftritt in der Kirche. Der Chorleiter gab mir die Solopartie. Ich war furchtbar aufgeregt, erinnere mich aber gleichzeitig, wie froh ich war, der Junge sein zu dürfen, der von Weihnachten und seinem Wunder erzählt.

Richtig begriffen habe ich damals nicht. Und ich bezweifle bis heute, dass es jemals einem Menschen gelingt. Gottes Menschwerdung ist ein Geheimnis. Es ist im Herzen und den einfachen Worten eines kleinen Jungen mindestens ebenso gut aufgehoben wie in den großen Gedanken der Prediger und Theologen.        

Als ich das Kind im Stall gesehn,

konnte ich nicht von dannen geh’n.

Den Schatz bewahren will ich wohl,

so bleibt mein Herze freudevoll.

Des bin ich froh, bin ich froh.

Froh, froh, froh, froh, froh, froh!

Benedicamus Domino!

 

Aufnahmen

1°      M0327368(AMS) 01-004

Als ich bei meinen Schafen wacht. Bearbeitet für fünfstimmigen gemischten Chor a cappella

SWR Vokalensemble Stuttgart; Kohler, Anne.

2°      M0302288(AMS) 01-018

Als ich bei meinen Schafen wacht. Weller, Andreas; Johannsen, Kay.

3°      M0240733(AMS) 01-011

Als ich bei meinen Schafen wacht'. Wiener Sängerknaben; Harrer, Uwe Christian.

4°      M0340619(AMS) 01-014

Als ich bei meinen Schafen wacht fu?r Mädchenchor und Klavier

Mädchenkantorei Rottweil; Puttkammer, Andreas.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18932