Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

O Maria sei gegrüßt, die du voller Gnade bist;

sei gegrüßt du höchste Zier, Gott der Herr ist selbst mit dir. 

(Sängerin: Johanna Zimmer, Klavierbegleitung: Fabian Wöhrle)

 In der Adventszeit werden wir an biblische Erzählungen erinnert, die eine ganz eigene Poesie haben. Da ist beim Evangelisten Lukas von einem Engel die Rede, der zu einer jungen Frau kommt und ihr eröffnet, dass Gott Großes mit ihr vorhat.

Das Lied, dessen Melodie aus dem 16. Jhd. stammt, ist schlicht und verhalten. Es beginnt in tiefer Tonlage und führt – wie eine Leiter - in kleinen Schritten bis zum höchsten Ton, um dann wieder auf dem Anfangston zu enden. Tief und hoch werden miteinander verbunden, die junge Frau und der Engel. Gott will zu den Menschen kommen – das erzählt der Komponist Michael Weiße mit seiner Musik. 

Der Engel sagt zu Maria: „Du hast Gnade gefunden vor Gott“.  Im Wort Gnade steckt „geneigt sein“ – sich niederbeugen, das ist aber nicht herablassend gemeint, sondern voller Zuneigung und Wohlwollen. Gott hat Maria erwählt. 

In frühchristlichen Legenden wird überliefert, dass Maria im Tempel aufgewachsen ist, um ihr ganzes Leben Gott zu widmen. Beim Evangelisten Lukas erfahren wir jedoch nichts dergleichen. Für ihn ist wichtig, dass Maria zu ihrer Erwählung JA gesagt hat. 

Diese große, unfassbare Begegnung zwischen dem Engel und Maria geschieht in der Stille. Noch weiß niemand davon. Da macht sich Maria auf den Weg  zu ihrer Verwandten Elisabeth. Sie erwartet ebenfalls ein von Gott verheißenes Kind.   Bei der Begrüßung spürt Elisabeth, wie ihr ungeborenes Kind vor Freude hüpft. Und sie erkennt intuitiv, dass Maria mit einem besonderen Kind schwanger ist:    

Du bist nun gebenedeit vor den Frauen allezeit.

Lob dem, der dich heimgesucht, Jesus, deines Leibes Frucht.

Aus diesen beiden Begegnungen ist ein Gebet entstanden: das Gegrüßet-seist-du-Maria. In der katholischen Kirche ist es das Gebet zu Maria.  Darin redet sie nun nicht mehr der Engel an, sondern die Gläubigen beten zu ihr. Aus der Mutter Jesu wird die Muttergottes, unsere Fürsprecherin bei Gott. 

Manche tun sich schwer mit dieser Vorstellung. Brauchen wir jemanden, der zwischen uns und Gott vermittelt? 

Ich habe einen neuen Zugang zu Maria gefunden, als ich selbst schwanger war. „Gesegneten Leibes sein“ – sagte man früher dazu. Denn jedes Kind ist ein Gottesgeschenk. Das habe ich besonders in den Wochen und Monaten, gespürt, als das Kind noch ganz bei mir, ja in mir war. Diese tiefe Verbundenheit habe ich als etwas Besonderes erlebt. Erst da ist mir bewusst geworden, wie nahe uns Gott gekommen ist: wie ein Kind im Mutterleib. Eigentlich unfassbar! Maria hat diese Nähe zugelassen und ausgehalten. Vielleicht kann ich von ihr lernen, offen für Gott zu werden. Besonders jetzt in der Adventszeit. 

Mutter Gottes, liebe Frau, auf uns arme Sünder schau;

bitt für uns bei deinem Sohn, dass er uns im Tod verschon.

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