Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Ein Lied für den 9. November? Was soll man singen an diesem Tag? „Nun danket alle Gott“ – weil vor 25 Jahren die friedliche Revolution in der DDR die Mauer zu Fall gebracht hat? Oder doch eher „Herr, erbarme dich“ – weil der 9. November in Deutschland immer auch der Tag der brennenden Synagogen bleiben wird und Menschen sich an die Verfolgung und Ermordung der Juden erinnern? Für mich ist es ein Lied aus einer ganz anderen musikalischen Tradition, das die verschiedenartigen Gefühle ausdrückt, die dieser Gedenktag auslöst.

Louis Armstrong -We shall overcome“

We shall overcome – wir werden überwinden, eines Tages… ein traditionelles Spiritual – ein Lied, das die Sklaven in Amerika gesungen haben. In der Mitte des 20. Jahrhunderts neu entdeckt und umgeformt, wurde es zum Schlüsselsong der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung  – und schließlich des politischen Protests weltweit. Wir werden in Frieden leben! So haben vor allem junge Menschen von ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft gesungen. Und sie haben sich Mut gemacht, wenn sie eingeschüchtert werden sollten durch Prügel und Verhaftungen: Wir haben keine Angst!

Pete Seeger We are not afraid“

Auch im Herbst 1989 ist dieses Lied immer wieder bei Andachten und Demonstrationen der Regimekritiker in der DDR erklungen. Für mich steckt die Kraft des Liedes gerade in der religiösen Tradition, aus der es stammt: den prophetischen Visionen einer heilvollen Zukunft:
„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ (Offenbarung 21,4b), so heißt es im vorletzten Kapitel der Bibel. Ich lese so einen Vers nicht als Vertröstung. Im Gegenteil: Er klagt die Verhältnisse an, in denen wir leben. Er nährt die Sehnsucht nach einer besseren Welt und er macht Mut, dafür einzutreten, auch gegen Widerstände.

Joan Baez-„We’ll walk Hand in Hand“

Das alte Spiritual weckt bei mir widersprüchliche Gefühle von Trauer und Hoffnung. Und umfasst damit die ganze Spanne dessen, was der 9. November in der deutschen Geschichte bedeutet.
Und wenn ich das Lied höre oder mitsinge, dann berührt es mich auch heute. Weil es so aktuell ist in einer Welt, in der Millionen Menschen auf der Flucht sind vor Krieg und Hunger und Unterdrückung. Weil es mir sagt: Es lohnt sich, mich in meinem kleinen Rahmen einzusetzen für mehr Frieden und Gerechtigkeit: Wir werden es schaffen. Wir werden Erfolg damit haben. Und weil es mich tröstet und mir Mut macht, wenn auch in meinem eigenen Leben nicht alles so ist, wie es sein sollte: „Tief in meinem Herzen glaube ich: Wir werden es überwinden – eines Tages.“


 


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