Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Das nicht gerecht“ mault unsere Tochter und stampft davon. Gerechtigkeit ist ein großes Wort.Ein Wort, das zum christlichen Glauben gehört. Aber trotzdem gibt es Ungerechtigkeit. Kleine, wie die über die meine Tochter jammert, aber auch große: Wenn Menschen zu wenig zum Leben haben, wenn Menschen auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben, wenn Menschen keine Möglichkeit zur Bildung haben, wenn die Jugend von heute die Schulden ihrer Eltern und Großeltern schultern müssen.

Das Lied »Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn« gibt der Hoffnung auf Gerechtigkeit Sprache und Töne.

 

R Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

1. Dein Reich in Klarheit und Frieden, Leben in Wahrheit und Recht. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

R Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

 

Das Lied gehört zu einer Messkomposition, der »misa de la juventud«. Die Musik stammt von einem der berühmtesten Komponisten Spanien, vonChristóbal Halffter. Halffter vertonte für diese Messe liturgische Texte etwa zum Kyrie und zum Sanctus, aber auch verschiedene Prozessionsgesänge, etwa zur Kommunion oder auch zum Schluss. »Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen« steht am Ende der Messe, als »Procesional de salida«, als Lied zur Auszugsprozession. Das gibt schon der tänzerische Dreierrhythmus zu erkennen, die beschwingte Melodie, hier geht es leicht und mit einem Lächeln hinaus in die Welt.

 

R Anunciaremos tu reino. Anunciaremos tu reino, Señor, / tu Reino, Señor, tu Reino.

2  Reino de amor y de gracia, reino que habita en nosotros, / tu Reino, Señor, tu Reino.

 

Der Text erzählt aber mehr, als nur von der Hoffnung auf Gerechtigkeit. Sicher. Gerechtigkeit, völlige Gerechtigkeit ist eine religiöse Hoffnung. Ich erlebe das tagtäglich in der Diskussion mit unseren Kindern. Ich kann mich noch so sehr anstrengen, Gerechtigkeit kann ich nicht herstellen.Das lässt sich auch auf die große Politik übertragen. Es gibt immer wieder Ungerechtigkeiten.

Damit aber gibt sich das Lied »Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen« nicht zufrieden. So heißt es in der zweiten Strophe: 

 

R Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

2. Dein Reich des Lichts und der Liebe lebt und geschieht unter uns. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

R Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

 

Ein klassischer Vorwurf an den christlichen Glauben lautet: Vertröstung auf das Jenseits. Oder noch schärfer: „Opium fürs Volk“. »Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn« setzt dagegen: Das Reich Gottes ist keine Zukunftsvision, und auch kein Mittel, hier auf Erden alles so zu lassen, wie es ist. Dieses Reich beginnt vielmehr heute und hier, es ist da – und Menschen können dafür sorgen, dass das auch zu sehen ist: In Taten der Liebe, in einem Leben voller Wahrheit und Recht.

Gerechtigkeit lebt deshalb von einer Spannung: Ich muss immer wieder versuchen, jetzt gerecht zu handeln, aber ich weiß auch, dass ich alleine diese Gerechtigkeit nie völlig herstellen kann. Mit dieser Spannung muss ich leben, muss ich immer wieder.Muss Rückschläge einstecken und manche Durststrecke überstehen. Aber sollte deshalb die Sehnsucht nach Gerechtigkeit aufhören?

 

R Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

3. Wege durch Leid und Entbehrung führen zu dir in dein Reich. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

R Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn. / Dein Reich komme, Herr, dein Reich komme.

 

 

 

»Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen«

Originaltext: »Anunciaremos tu reino Senor«, Maria Pilar Figuera (1965)

Dt. Text: Diethard Zils, Christoph Lehmann (1983)

Melodie: Christóbal Halffter Jiménez (1965); aus »misa de la juventud«

 

Aufnahme 1

aus: Es sind doch deine Kinder, 1983, ©tvd-Verlag Düsseldorf

 

Aufnahme 2

Aus: »dass Versöhnung blüht« (1997), Track 8 (1:50)

Ausführende: Gruppe »Ruhama« (Köln)

LC 5648

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