Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Auf dem einzigen Bild, das ich von ihm gefunden habe, sieht er ziemlich müde aus. So gar nicht frisch und neu. Johannes Zwick, Reformator und Dichter, Kind einer vornehmen Konstanzer Patrizierfamilie. Er hat das Lied: „All Morgen ist ganz frisch und neu“ gedichtet. Vielleicht hat er sein Lied auch geschrieben, um sich selbst Mut zu machen. Ein neuer Tag möge erfrischt beginnen, nach erquickender Nachtruhe.

Er hatte solche Ermutigung nötig. Denn Johannes Zwick war jemand, der alle Aufgaben mit Herzblut und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit anging. Dabei war ihm ein anderes, ein sorgenfreies Leben vorgezeichnet: Er entstammte einer angesehen Familie, wurde Jurist, dann Priester, Doktor der Rechte in Siena und schließlich Professor in Basel. Da ist er gerade 26 Jahre alt. Aber dann begegnet dem hochbegabten jungen Mann die Reformation und verändert sein Leben. Der Professor aus Basel kommt – als Pfarrer nach Riedlingen. Am Südrand der Schwäbischen Alb gelegen, katholische Provinz. Hier scheitert Zwick. Er muss Riedlingen verlassen. All Morgen ist ganz frisch und neu?

 All Morgen ist ganz frisch und neu“ in Konstanz, seiner Heimatstadt. Gemeinsam mit Freunden führt er die Reformation ein. Das Zentrum reformatorischen Interesses war traditionell das Schulwesen, dem widmet sich der junge Reformator. Und der Mann aus vornehmer Familie hat ein Herz für Arme und Kranke, für Menschen, die sich nicht selbst helfen können. 1541 bricht in Konstanz die Pest aus. Er hätte fliehen können, seine Familie hatte Geld. Doch Johannes Zwick bleibt. Er muss eine unglaublich robuste Konstitution gehabt haben. Zwei Mal erkrankt er an der Pest und überlebt. Sein Lied dichtet er während der Zeit der Seuche. Kein Wunder, dass er sich wünscht, dass das Licht die Finsternis vertreiben möge.

Als in Bischofszell die Pfarrer an der Pest erkranken und sterben, geht Zwick nach Bischofszell in die Schweiz. Unermüdlich setzt er sich auch hier ein, bis er schließlich zum dritten Mal an der Pest erkrankt. Er stirbt daran am 23. Oktober 1542, keine 50 Jahre alt. Ich möchte mir einfach vorstellen, dass ihn seine Glaubensgewissheit vom Tod ins ewige Leben getragen hat:

Johannes Zwick: Ich finde ihn bewundernswert. Zum einen wegen seines selbstlosen Einsatzes für die Menschen, die ihm anvertraut waren. Darüber hinaus aber auch dafür, dass er sich, trotz aller Müdigkeit, dieses Spielerische bewahrt hat, die Leichtigkeit im Schweren, das elegante dichterische Spiel mit den biblischen Symbolen des Morgensterns und des Lichtes, das uns Tag und Nacht die Hand reicht. Seine wunderbaren Verse nehmen dem Leben den tödlichen Ernst und predigen durch ihre beschwingte Leichtigkeit, dass es tatsächlich einen Morgen gibt, der frisch und neu ersteht, ein Licht, dass der Finsternis trotzt. So schenkt er mir und vielen anderen Menschen, die sein Lied bis heute gerne singen, über seinen Tod hinaus Freude und Zuversicht und Glaubensmut. Drauf jeder sich verlassen mag!

"All Morgen ist ganz frisch und neu" 
track 3 aus CD 1 "Ich bete an die Macht der Liebe -Große Geistliche Chöre"
Hänssler classic   LC 6047 
Motettenchor Pforzheim 
Evang.  Singschule Pforzheim 

 

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