Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Manchmal wird das, was ein Mensch verkraften muss, zu groß und zu viel. Dann hilft es, wenn es gelingt, ein paar Schritte zurückzutreten. Und sich selbst von außen zu betrachten. Ich stelle mir dann eine Zeit vor – ganz weit weg von heute. Und betrachte die Gegenwart „sub specie aeternitatis“. Unter dem Blickwinkel der Ewigkeit.
Und plötzlich, in dieser Perspektive, verwandeln sich die Dinge. Das, was sich eben noch aufblähte, erweist sich als „Rauch und Asche“.
Davon ist eindrücklich die Rede in einem Gedicht, das von dem bekanntesten Lyriker des deutschen Barock stammt: von Andreas Gryphius. Geboren wurde er am 2. Oktober 1616 in Glogau in Schlesien. Dort ist er auch nach einem bewegten Leben im Jahr 1664 gestorben. Das Gedicht, das ich meine, findet sich heute im evangelischen Kirchengesangbuch und ist unterlegt mit einer alten populären Melodie:

1. Die Herrlichkeit der Erden
muss Rauch und Asche werden,
kein Fels, kein Erz kann stehn.
Dies, was uns kann ergötzen,
was wir für ewig schätzen,
wird als ein leichter Traum vergehn.

2. Der Ruhm, nach dem wir trachten,
den wir unsterblich achten,
ist nur ein falscher Wahn;
sobald der Geist gewichen
und dieser Mund erblichen,
fragt keiner, was man hier getan.

Andreas Gryphius hat in seinen sprachgewaltigen Gedichten immer wieder die Gebrechlichkeit des Lebens und der Welt beschrieben. Es war keine heile Welt, in der er groß wurde. Getroffen vom frühen Verlust seines Vaters. Aufgewachsen in den Kriegswirren des Dreißigjährigen Krieges. Und dennoch mit einer außergewöhnlichen Bildung und Begabung versehen, die es ihm im wahrsten Sinnes des Wortes erlaubte, „sich einen Reim zu machen“ auf das, was er erlebte. Es nicht nur stumm zu erleiden, sondern es kunstvoll in Sprache zu fassen.

5. Wie eine Rose blühet,
wenn man die Sonne siehet
begrüßen diese Welt,
die, eh der Tag sich neiget,
eh sich der Abend zeiget,
verwelkt und unversehens fällt:

6. So wachsen wir auf Erden
und denken groß zu werden,
von Schmerz und Sorgen frei;
doch eh wir zugenommen
und recht zur Blüte kommen,
bricht uns des Todes Sturm entzwei.

Das, was ist, sehen unter dem Aspekt von dem, was bleibt. Vom Ende her. Sub specie aeternitatis. Das kann einem die Augen öffnen. Darum enden die letzten Strophen des Gedichtes von Andreas Gryphius jeweils mit einer Aufforderung.  Allen menschlichen Größenwahn zu verlachen! Und allein auf den zu trauen, der diese Welt gebaut hat und der – gegen allen Augenschein – der Stärkere ist!

9. Verlache Welt und Ehre,
Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre
und geh den Herren an,
der immer König bleibet,
den keine Zeit vertreibet,
der einzig ewig machen kann.

10. Wohl dem, der auf ihn trauet!
Er hat recht fest gebauet,
und ob er hier gleich fällt,
wird er doch dort bestehen
und nimmermehr vergehen,
weil ihn die Stärke selbst erhält.

Nein, ein weltflüchtiger Mensch war Andreas Gryphius nicht. Dafür war er zu viel und zu gerne in der Welt unterwegs. Aber jemand, der seinen eigenen Blick auf Menschen und Sachen hatte, das war er schon.
Mir heute imponiert dieser wache Blick. Die Fähigkeit, Vordergründigkeiten zu durchschauen und zu hinterfragen. Und letztlich die Zuversicht, mit der er dem vertraut, den er „die Stärke“ seines Lebens nennt.

CD: Georg Friedrich Händel, Orgelkonzerte. Eduard Müller, Orgel der Tituskirche/Basel.
1966 Deutsche Grammophon, Hamburg

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18371