Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ So beginnt der erste Satz der Kantate »Brich dem Hungrigen dein Brot« von Johann Sebastian Bach. Der Text geht auf den Propheten Jesaja zurück (Jes 58,7-8). Der Inhalt ist klar: Ein Appell für Mitleid und Barmherzigkeit.

 1. Satz (Jes 68,7-8)

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! ….

Dieser Appell hat sich tief ins Bewusstsein des christlichen Abendlandes gefräst. Auch, weil er im Neuen Testament wieder aufgegriffen wird. So sagt Jesus etwa in einer Rede über das Gericht Gottes: „Dann wird der König sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ Jesus schließt mit dem Satz: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,31-40)

Hier knüpft das neue Kirchenlied »Brich mit den Hungrigen dein Brot« von Friedrich Karl Barth und Peter Janssens an. Aber es geht mit den biblischen Texten ganz anders um, als Bach das noch tat. Aus wenigen ausgewählten Zeilen wird ein eingängiger Rundgesang.

1) Brich mit den Hungrigen dein Brot, / sprich mit den Sprachlosen ein Wort, / sing mit den Traurigen ein Lied, / teil mit den Einsamen dein Haus. //

2) Such mit den Fertigen ein Ziel, / Brich mit den Hungrigen dein Brot, / ….

Ein ganz einfaches Lied. Fünf Zeilen, fünf Strophen. Jede Strophe hat vier Zeilen. Die zweite Strophe beginnt also mit der fünften Zeile, dann folgt der Text wieder von vorne. So entstehen unterschiedliche Strophen, jede mit einem anderen Zeilenanfang. Der Komponist Peter Janssens, einer der sicherlich größten Komponisten, die das Neue Geistliche Lied hervorgebracht hat, schafft dadurch einen meditativen Gesang. So wie ich Brot kaue und dadurch Geschmack im Mund bekomme, so singe ich den Text immer und immer wieder. Und komme dadurch auf den Geschmack des Helfens.

Im christlichen Glauben ist der biblische Originaltext mehr als nur Theorie geblieben. Er buchstabiert die Nächstenliebe aus, macht deutlich, was Einsatz für den Anderen ganz praktisch heißt: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. So lauten die sogenannten sieben Werke der Barmherzigkeit. Wer wissen will, was christliches Handeln heißt, der kann sich seit hunderten von Jahren daran orientieren.

Das Lied von Janssens und Barth erinnert mich auf ganz einfache und eingängige Art und Weisemich immer wieder daran: Glaube ist mehr als eine Sache von Kopf und Herz. Glaube ist auch eine Sache der Hände.

2)  … Sing mit den Traurigen ein Lied.

3) Teil mit den Einsamen dein Haus, / such mit den Fertigen ein Ziel, / brich mit den Hungrigen dein Brot, /  sprich mit den Sprachlosen ein Wort.

4)Sing mit den Traurigen ein Lied, / ….

In einem Punkt allerdings unterscheiden sich die Kantate von Bach und das Kirchenlied von Peter Janssens. Am Schluss der Kantate steht ein Choral mit dem unmissverständlichen Text: „Selig sind, die aus Erbarmen sich annehmen fremder Not, sind mitleidig mit den Armen,[… sie] werden wieder Hilfe empfangen und Barmherzigkeit erlangen.“ Ein  Gedanke, den ich schwierig finde. Helfe ich, damit mir geholfen wird? Habe ich Mitleid, damit andere oder gar Gott sich meiner erbarmt, wenn es nötig ist? Solche Überlegungen blendet der Rundgesang »Brich mit dem Hungrigen dein Brot« aus. Er geht von einem einfachen Gedanken aus: Das Brot zu brechen, einen Einsamen ins Haus einzuladen, das ist gut, ist christlich. Ohne Wenn und Aber.

 »Brich mit den Hungrigen dein Brot«

Text: Friedrich Karl Barth 1977

Melodie: Peter Janssens 1977

 Das Gesangsorchester Peter Janssens

In: Peter Janssens, Meine Lieder

Peter Janssens Musik Verlag, Telgte, CD 1074

LC 4679

Take 14 (1:42)

Brich dem Hungrigen dein Brot. Kantate am ersten Sonntag nach Trinitatis in 2 Teilen, BWV 39

Nonoshita, Yukari; Blaze, Robin; Kooij, Peter; Bach Collegium Japan; Bach Collegium Japan; Suzuki, Masaaki

Bach, Johann Sebastian; Cantatas from Leipzig 1726 -

Leipziger Kantaten Jahrgang 2009, Studioproduktion

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