Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Aber muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt, und den Glauben an Gott?

Ich vermute, diese Frage des Autors Schalom Ben Chorin ist Ihnen nicht fremd. Angesichts der heillosen Wirklichkeit in Israel und Palästina, der Ukraine, in Syrien, im Irak. Muss man nicht verrückt sein, wenn man hofft, dass Frieden möglich sein könnte. Muss man nicht verrückt sein, an einen Gott des Friedens zu glauben? Wie verrückt muss ein Dichter sein, der sieht wie dunkel die Wirklichkeit ist, aber selbst das kleinste Licht nicht übersieht.

Freunde, dass der Mandelzweig   cuppatea

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Schalom Ben Chorin hat diese Zeilen geschrieben. 1942. Mitten im 2. Weltkrieg. 7 Jahre zuvor, 1935, hatte er seine Heimat München verlassen. Die Nazis hatten ihn, den jüdischen Aktivisten, verprügelt und verhaftet. Damals hieß er noch Fritz Rosenthal. In Jerusalem hat er seine neue Heimat gefunden. Sich den Namen gegeben: Schalom Ben Chorin. Zu deutsch. „Friede, Sohn der Freiheit.“ 1942 hat er gewusst, dass die Verfolgung der Juden in Europa voll im Gang war.

David Qualey

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Was ist ein blühender Zweig gegen eine Welt, die vergeht unter Gewalt? Was für eine Wahrheit kann er beanspruchen? Ben Chorin weiß, verrückt muss man sein, diese kleine Augenweide zu sehen. Als Seelenweide. Als Hoffnungszeichen. Vielleicht hätte Ben Chorin gesagt: Man muss sich ver-rücken lassen in der bedrohlichen Wirklichkeit, sonst geht man in ihr unter. Man muss die Zeichen achten, die andeuten, dass noch Zukunft möglich ist.
Mit dem Mandelzweig greift er ein altes Symbol auf aus der Bibel. Schon im Buch Jeremia steht:

"Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus." (Jer 1,11f)

„Mandelzweig“ und „wachen“, auf Hebräisch klingt das fast gleich. Darum erinnert der Mandelzweig an den wachen Gott, der seine Welt nicht aufgibt.

Zu Schalom Ben Chorins Worten hat der Pfarrer und Liedermacher Fritz Baltruweit die Melodie geschrieben. Ich gebe zu, fast zu kantenlos scheint sie mir. Aber womöglich ist er ja ein Bruder im Geist Ben Chorins: Auch ein bisschen verrückt, um Worte mit solchem Leid als Hintergrund, so zu vertonen. So hell und unverletzt.
Vielleicht ist das not-wendig. Dass man das Helle besingt und so das Unverletzte in sich schützt. Glaube und Hoffnung am Glühen hält, dass das Leben nicht unter zu kriegen ist, weil Gott neues schafft.

Freunde, dass der Mandelzweig   Baltruweit

Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
Wie das Leben siegt.

Ich hoffe, wenn man so sieht und singt,  das weckt auch Kraft, gegen Krieg und für Recht und Leben zu stehen. Gewalt nicht das Feld zu überlassen. Auf Frieden zu hoffen, zu beten und dafür einzutreten.

 

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