Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Jesus ist bei den Schwestern Maria und Martha zu Gast. So erzählt das Lukasevangelium. Maria setzt sich und hört Jesus zu, Martha arbeitet und ärgert sich darüber, dass ihre Schwester nicht hilft. Sie beschwert sich bei Jesus und erwartet, dass der sich auf ihre Seite stellt.
Aber Jesus unterstützt ihre Schwester Maria. Eins ist not, sagt Jesus. Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden. Der Liederdichter Johannes Heinrich Schröder nimmt diese Geschichte und diese Worte auf und dichtet in barocker Sprachkunst.

Lied: Eins ist not Strophe 1

Maria befindet sich an diesem Tag in einer doppelt schwächeren Position. Sie hat sich herausgenommen, dem Lehrer, dem Rabbi Jesus zuzuhören. Sie will lernen. Zum einen dürfte wohl klar sein, dass Maria selbst auch weiß, was ihre Schwester erwartet: Hilfe im Haushalt. Es ist nicht leicht, sich Erwartungen entgegenzustellen. Nein sagen – besonders Frauen fällt das oft schwer. Zum anderen ist das, was Maria tut, in den Augen der damaligen Zeit skandalös: Sie tut etwas, was eigentlich nur Männer dürfen. Von einem Rabbi lernen, sich zu seinen Füßen setzen, einfach nur zuhören - das durften sich zu Marthas und Marias Zeiten nur Männer erlauben.
Dass Frauen der körperlichen und seelischen Arbeit im Haushalt und auf dem Feld gewachsen sind - daran hatte niemand Zweifel. Nur studieren sollten sie nicht - meinten die Männer zu Jesu Zeiten. Sie meinten es noch fast 2000 Jahre lang. Und manche meinen das noch heute.
Maria ist ihrer Zeit fast 2000 Jahre voraus. Wer seiner Zeit voraus ist, ist meistens ziemlich allein. Maria hat nur - Jesus. Dass er sich an ihre Seite stellt, dürfte zuallererst Maria selbst verblüfft haben.
Im Lukasevangelium spielt das Hören eine große Rolle. Kein Zufall also, dass Maria im Hören das gute Teil erwählt hat. Ich glaube, Martha braucht den Hinweis „Eins ist not“ um sich endlich auch einmal zu erlauben, einfach zuzuhören. Ihre Sorge und Mühe für eine Zeit zu vergessen. Das Lied beschreibt Sorge und Mühe und deren Auswirkungen in wunderbar plastischer Sprache: Worunter das Herze sich naget und plaget und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget. Dieses Nagen und Plagen darf Maria für diese kostbare Stunde lassen, in der Jesus in ihrem Haus ist. Statt Nagen und Plagen darf sie sich das Vergnügen des Hörens gönnen. Um ganz Ohr zu sein. Eins ist not.
Im Nagen und Plagen der Alltagsgeschäfte steckt auch die Gefahr der Selbstrechtfertigung. Ich habe etwas gearbeitet, also hat mein Leben Sinn. Wie tückisch dies ist merke ich spätestens dann, wenn ich arbeitslos bin. Oder krank. Oder schwach. So schön es ist, etwas geleistet zu haben: Meinen Wert bestimmt das nicht. Schon gar nicht meinen Wert vor Gott.

Lied Strophe 2

Ich finde, dass Maria einen wichtigen Dienst für ihre Schwester Marta geleistet hat. Sie hat ihr gezeigt, dass man ab und an ganz Ohr sein darf. Und dass es nicht mehr braucht für den Sinn des Lebens. Sich öffnen, Ohren und Herz. Eins ist not. Das soll niemandem genommen werden. Maria hat sich und damit auch ihrer Schwester Martha erlaubt, zu hören. Einmal ganz Ohr zu sein für mein Kind, meinen Partner, meine Freundin, meine Schwester, für Jesus. Welche Perspektiven eröffnen sich hörend für mich. Das ist Liebe. Aus Erfahrung weiß ich, dass es anschließend sogar richtig Spaß machen kann, gemeinsam zu kochen und aufzuräumen.

Liedangabe: J S Bach Eins ist not! Track 24 aus

CD „Lieder aus Schemellis Gesangbuch“; Jaap Ter Linden, Peter Schreier, Ton Koopman
Decca Eloquence  LC 00171

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