Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(4 Choralvorspiele für Posaune und Orgel,  Rosin, Armin; Fröschle, Friedrich  Schilling, Hans LudwigAMS   M0032910  01-001-   01-004 )
1’37-2’28

In Frieden meinen Weg gehen, einen gedeckten Tisch vorfinden – von diesen beiden Sehnsüchten spricht das Lied „Im Frieden dein, o Herre mein, laß ziehn mich meine Straßen.“ Kern des Liedes ist eine Stelle aus dem Lukasevangelium. Im Mittelpunkt: der alte Simeon aus Jerusalem. Ein Leben lang hat er auf den Messias gewartet, ist täglich in den Tempel gegangen. Als Josef und Maria mit dem kleinen Jesus in den Tempel kommen, sieht er seine Sehnsucht gestillt. Er nimmt das Kind auf den Arm und betet „Nun läßt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.“ (Lk 2,21f.). Jetzt kann Simeon sich vorstellen zu sterben, denn sein beharrliches Hoffen ist ans Ziel gekommen.

Um 1530 hat in Straßburg der evangelische Theologe Johannes Anglicus sich in Simeon hineinversetzt und von seinen Worten ausgehend ein Lied gedichtet. Es besteht aus 2 Strophen:

1. Im Frieden dein, oh Herre mein,
lass ziehn mich meine Straßen.
Wie mir dein Mund gegeben kund,
schenkst Gnad du ohne Maßen,
hast mein Gesicht das sel'ge Licht,
den Heiland schauen lassen.
3. O Herr, verleih, dass Lieb und Treu
in dir uns all verbinden,
dass Hand und Mund zu jeder Stund
dein Freundlichkeit verkünden,
bis nach der Zeit den Platz bereit'
an deinem Tisch wir finden.

(darunter 4 Choralvorspiele für Posaune und Orgel,  Rosin, Armin; Fröschle, Friedrich  Schilling, Hans Ludwig  0-0’33)

Das Lied mündet in die Bitte, einmal am Mahl Gottes teilnehmen zu dürfen. Das hat dann um 1900 den Straßburger Theologen Johannes Spitta inspiriert, das Lied noch stärker für den Gottesdienst zu überarbeiten. Vor allem formulierte er eine weitere Strophe, in der heute gebräuchlichen Fassung ist es die mittlere:

2. Mir armem Gast bereitet hast
das reiche Mahl der Gnaden.
Das Lebensbrot stillt Hungers Not,
heilt meiner Seele Schaden.
Ob solchem Gut jauchzt Sinn und Mut
mit alln, die du geladen.

Bis heute wird dieses Lied in katholischen und evangelischen Gottesdiensten gesungen, meistens zum Schluß. An der Schwelle vom Gottesdienst zum alltäglichen Leben danken Menschen für das Heilige Brot, das ihren Hunger und ihre Not gestillt hat, und für die Worte von Gottes maßloser Gnade, die sie aus der Bibel gehört haben.

Das Lied spannt einen weiten Bogen: wer es singt, bittet darum, in Frieden seinen, ihren Weg gehen zu dürfen, immer wieder unterwegs gestärkt. Da ist jetzt schon Grund, zu danken und sogar zu jauchzen. Gleichzeitig bleibt die Sehnsucht, in Liebe und Treue mit den andern Menschen verbunden zu sein. Und es bleibt der große Wunsch, daß einmal alle Menschen bei Gott um einen Tisch sitzen werden. Und daß für jede und jeden dort der Platz bereitet ist.

(Im Frieden Dein, o Herre mein Choral für vierstimmigen gemischten Chor a cappella (Rottb. Gb. 243) Chor der Marienkirche Göppingen; Proksch, Johann  N. N. M0033162   01-00601-008 Strophe 1+3, 0’50)

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