Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 468; EGB 432).

In meinem Leben ist vieles selbstverständlich. Reden, schreiben, schlafen, über all das denke ich kaum nach. Dabei ist gerade das Selbstverständliche das eigentlich Wesentliche, das Wunderbare des Lebens. Dass ich Morgen für Morgen aufwache, dass ich mit anderen sprechen kann, dass ich andere verstehe, dass ich meine Sinne gebrauchen kann, dass ich sehen, hören, fühlen kann. Ohne das kann ich nicht leben – und doch denke ich nur selten daran. Von dem Selbstverständlichen erzählen auch Eckart Bücken und Fritz Baltruweit in ihrem Lied: »Gott gab uns Atem, damit wir leben.«

1. Gott gab uns Atem, damit wir leben. Er gab uns Augen, dass wir uns sehn.  Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn.

Ein- und ausatmen, lebendig sein, das steht auch am Anfang der Schöpfungserzählungen der Bibel. Gott haucht den Menschen an, haucht ihm seinen Atem ein – und macht ihn so zu einem lebendigen Wesen. Jeder Mensch braucht diesen Atem, um zu existieren – und doch ist das Atmen so selbstverständlich, dass ich gar nicht darüber nachdenke. Das Lied »Gott gab uns Atem« geht aber noch einen Schritt weiter: Der Atem lässt mich leben, damit ich mit anderen zusammenleben kann. Sie kann ich sehen, wahrnehmen – ich kann mit ihnen gemeinsam leben.

2. Gott gab uns Ohren, damit wir hören. Er gab uns Worte, dass wir verstehn. Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön.

Der Mensch lebt nicht allein. Auch das ist selbstverständlich. Ich lebe nur, weil es meine Eltern gibt, sie haben mich gezeugt und geboren. Lehrer, Freunde, die Mitglieder meiner Pfadfindergruppe, Mitstudenten, sie alle haben mich geprägt. Ich und Du sind eng verbunden. Für den jüdischen Philosophen Martin Buber stand fest: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Nur durch die Beziehung zum Anderen, zum Du, wird aus dem Menschen ein Ich. Nur so kann sich der Einzelne entfalten und Teil der Welt, Teil des Universums werden. Wie aber nehme ich den anderen wahr? Indem ich höre, indem ich mit ihm spreche, indem ich mit allen Sinnen offen werde für den anderen – und für Gott.

3. Gott gab uns Hände, damit wir handeln. Er gab uns Füße, dass wir fest stehn. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn.

Leben heißt, gemeinsam leben. Leben heißt aber auch, in einer Umwelt zu leben. Auch das ist so selbstverständlich, dass ich es kaum beachte. Aber mein Leben braucht die Erde, braucht den festen Boden unter den Füßen. Braucht einen Stand – und einen Lebensraum. »Gott gab uns Atem« singt davon. Singt, dass der Mensch als Stellvertreter Gottes für die Schöpfung verantwortlich ist. Und so selbstverständlich das auch ist und klingt: Ich muss mir das jeden Tag neu sagen – und versuchen, danach zu handeln.

 

»Gott gab uns Atem«

Text: Eckart Bücken 1982
Melodie: Fritz Baltruweit 1982

 Strophe 1 und 3 aus:

Fritz Baltruweit: Gott gab uns Atem. Lieder aus 5 Jahrzehnten

LC 05648 / Take 1 (3:19)

 Strophe 2 aus:

 Chor der Schülerinnen und Dozentinnen des Instituts für Kirchenmusik, Mainz

Eingeladen zum Fest des Glaubens. 63 neue und alte Lieder für den Gottesdienst

Institut für Kirchenmusik (Hg.), Mainz

BM 1299 / CD 1, Take 11 (1:48)

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17796