Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Musik[1]

Wie lieblich ist der Maien – Blütenpracht und Sonnenschein, so muss es sein im Wonnemonat Mai. Lust und Freude, bei Mensch und Tier, das ist der Mai – das suggerieren die alten Maienlieder genauso wie die moderne Werbung.
Aber: Passt das zu dem, was ich erlebe? Vielleicht kennen Sie diese Erfahrung auch: Wenn sich trotz Sonnerschein und Vogelgesang einfach keine Maiwonne einstellt – weil man traurig ist oder allein, unzufrieden oder einfach nur müde und erschöpft? Ich finde, in den „vorordneten“ Wonnezeiten des Jahres ist es besonders hart, wenn das eigene Erleben nicht zu den jahreszeitlichen Vorzeichen passt.
Das beschwingte Volkslied vom lieblichen Mai, das sich da unter die Kirchenlieder gemischt hat, scheint auf den ersten Blick alle Maiklischees zu bedienen.

Musik[2]

Besonders die Melodie, von Johann Steurlein 1575 komponiert, sprudelt so übermütig, dass man es fast vermuten kann: Sie hatte nicht immer einen geistlichen Text. „Mit Lieb bin ich umfangen“ heißt das Lied ursprünglich und handelt von Liebeslust und Liebesleid.
Der geistliche Text des Maienliedes aber, den Martin Behm 1604 gedichtet hat, geht tiefer. Martin Behm nämlich kannte die bittere Erfahrung, selbst in düsterer Stimmung zu sein, wenn draußen alles fröhlich ist. Und die Sehnsucht, man könnte doch einstimmen in den allgemeinen Jubel. Er wusste, wie sich das anfühlt – und hat es in der dritten Strophe des Liedes besungen:

Musik[3]

Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein,
damit sich’s möge schicken, fröhlich im Geist zu sein,
die größte Lust zu haben allein an deinem Wort
das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.

Mir gefällt dieses Bild von Martin Behm: Dass die Frühlingssonne mir auch ins Herz scheint und mich fröhlich macht, das ist eben nicht selbstverständlich. Das habe ich nicht in der Hand. Ich kann versuchen, sie einzuladen – indem ich nach draußen gehe, mich von der Lebenslust der Natur und der Fröhlichkeit anderer anstecken lasse. Aber nicht immer gelingt das.
Dem Dichter Martin Behm hat es in schweren Zeiten geholfen, Gott nicht in der Natur, sondern in den Geschichten und Gebeten der Bibel zu suchen. Es sind Geschichten und Worte, in denen Menschen auf immer neue Weise erzählen, wie ihnen ein Licht im Herzen aufgegangen ist. Aber dass auch sein finsteres Herz wieder fröhlich wird, das liegt nicht in seiner Hand. Darum kann er nur bitten.
Und ich? Ich singe seine Worte immer wieder gerne mit. Ich freue mich an der ausgelassenen Musik, wenn ich fröhlich bin. Oder ich stimme ganz bewusst ein in seine Bitte, wenn ich traurig bin. Ich stimme ein und singe – und manchmal spüre ich: Es tut gut!

Musik[4]



[1] Chorversion (M0351917 01-011, Jörg Strodthoff, Rundfunkchor Berlin) Strophe 1

[2] Bänkelsangversion (M0329664, 01-009, The Playfords)

[3]Instrumentalfassung von Mitsing-CD „Aus meines Herzens Grunde – Die schönsten alten Kirchenlieder“, track 80, Orgel: Kay Johannsen, LC Nr. 3989

[4] Chorversion (M0351917 01-011, Jörg Strodthoff, Rundfunkchor Berlin) Strophe 4

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