Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Jürgen Henkys, emeritierter Professor für Praktische Theologie in Berlin, gebührt das Verdienst, viele anrührende Lieder ins Deutsche übersetzt zu haben. So hat Jürgen Henkys einen großen musikalischen Schatz für uns geöffnet. Holz auf Jesu Schulter ist seine Übersetzung des niederländischen Originals von Willem Barnard „Met de boom des levens“. Es ist ein sehr spannungsvolles Lied, das sich zwischen Extremen ausstreckt: Leben und Tod, Güte und Gericht, Tag und Nacht. Ich finde, es ist ein Lied für die Zeiten im Leben, in denen es hart auf hart geht, in denen man manchmal meint, es kaum auszuhalten: Sei es nun vor Glück oder vor Schmerz. Die Musik stammt von Ignace de Sutter, einem belgischen Musiker und Theologen, der sich musikalisch von der Gregorianik inspirieren ließ. Holz auf Jesu Schulter nimmt den Kyrieruf der gregorianischen Messe Orbis factor musikalisch auf, und so spannt auch die Musik einen Bogen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.
Gleich in der ersten Strophe schlägt Henkys den großen Bogen vom Hügel Golgatha zum Paradies. In der Mitte des Paradieses wächst der Baum des Lebens. Die ersten Menschen hatten vom Baum der Erkenntnis gegessen und mussten, so erzählt es die Bibel, nach dem Sündenfall das Paradies verlassen, weil Gott befürchtete, dass sie auch noch von den Früchten dieses Baumes essen würden. Christus verspricht einem Sünder, der mit ihm gekreuzigt wird, dass er, wahrlich, noch heute mit ihm im Paradies sein wird. Der gekreuzigte Christus schließt den verschlossenen Paradiesgarten wieder auf. Ein ungeheures Bild: Das verfluchte Holz des Kreuzes wird zum Baum des Lebens. Und der Baum des Lebens trägt Früchte. Das Lied bittet: Ruf auch uns ins Leben. Versprich auch uns das Paradies. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehen. Überlass uns nicht dem Tod!
Nach der steilen Vorlage der ersten Strophe geht es in einem Auf und Ab weiter. Ich finde, Henkys beschreibt das Auf und Ab des Lebens, die Spannung zwischen Glauben und Zweifeln, die Lebensfahrt, auf der man manchmal in der Lage ist, Gott zu loben und zu danken und dann wieder spürt, dass man in einer Spirale des Todes wie gefangen ist und schuldig wird: An der Schöpfung, an anderen Menschen, am eigenen Leib. Dann scheint es so, als ob man mit der Erde dem Abgrund entgegenrast. Es ist unmöglich, sich selbst aus dem düsteren Gefährt der Gedanken zu reißen, der Dynamik des Todes zu entkommen. Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu. Wenn alle Gedanken schwarz sind und es keine Hoffnung mehr zu geben scheint braucht es schon das Eingreifen, den Zuspruch des Himmels selbst: Warum zweifelst du? Und die Gewissheit des Gekreuzigten: Alles ist vollbracht. Jürgen Henkys hat damit kunstvoll das Johannesevangelium eingefügt. Alles ist vollbracht. Von ihm. Für uns.
Die Passion Jesu war keine Spazierfahrt. Das Kreuz ist ein Martyrium, größte Schmach. Niederlage vor den Augen der Welt. Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr, dichtet Henkys. Es gibt Zeiten im Leben, da kommt der Tod ganz nah. Wenn liebe Menschen schwer krank werden. Wenn sie sterben. Wenn ich erschüttert bin von dem Leid, das Menschen einander zufügen. Manchmal erzählen mir Menschen von Kränkungen, die sie erfahren haben, von seelischen Verletzungen, die mir noch weh tun wenn ich sie nur anhören muss. Ich kann nur ahnen, wie die Betroffenen darunter gelitten haben und leiden. Manchmal habe ich Angst, dass ich selbst krank werde. Manchmal habe ich Angst vor dem Tod und dass ich mich verirre im Leben, unrettbar. Ich weiß nicht, wie aus dem Todesholz der Baum des Lebens werden kann. Aber: Das Lied von Jürgen Henkys erinnert mich daran, dass ich mich daran halten darf: Holz auf Jesu Schulter, von  der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Und dass die Früchte dieses Baums auch für mich reifen. Dass auch für mich das Paradies geöffnet ist. Dass das Leben ein wunderschönes Geschenk ist und jeder Tag von mir gelebt werden will. Sieh, wohin ich gehe, Gott. Ruf mich aus den Toten. Lass mich auferstehn.

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