Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 428

„Herr, dir ist nichts verborgen, du schaust mein Wesen ganz. Das gestern, heut und morgen wird hell in deinem Glanz.“, so beginnt das Lied, das ich Ihnen heute vorstellen möchte. Ein Lied, das ruhig und unscheinbar daherkommt. Aber das doch manchen Rahmen sprengt – vor allem, wenn man genau auf den Text schaut. Als Vorlage diente der Psalm 139, der gut 3000 Jahre alt ist. Maria Luise Thurmair hat ihn in den 1970er Jahren in dieses Kirchenlied gefasst.

                   Herr, dir ist nichts verborgen, du schaust mein Wesen ganz.

                   Das Gestern, Heut und Morgen wird hell in deinem Glanz.        

                   Du kennst mich bis zum Grund, ob ich mag ruhn, ob gehen,

                   ob sitzen oder stehen, es ist dir alles kund.

                   (Altenburger Sängerknaben CD-Nr. ASK1-2000-3) 

In der doch schon sehr alten Aufnahme mit dem Knabenchor aus dem österreichischen Altenburg klingt das Lied recht beschaulich. Aber das, was die Psalmworte da sagen, ist alles andere als beschaulich.
In einer Psalm-Übersetzung des Dichters Arnold Stadler wird das deutlicher. Da heißt es: „Herr, du hast mich durchleuchtet und nun kennst du mich. Ich kann sitzen oder stehen: du weißt wer ich bin und was ich denke.“
„Du hast mich durchleuchtet, Gott.“ – da denke ich daran wie Röntgenstrahlen einen Körper durchscannen. Und mir kommt ein Gedanke aus meiner Kindheit. Da habe ich mich gefragt, ob Gott mich auch noch unter fünf oder sechs Bettdecken findet.
Eine ähnliche Vorstellung mag den Psalmschreiber vor 3000 Jahren umgetrieben haben. Denn er wägt im Psalm Möglichkeiten ab, wie sich die Menschen wohl vor Gott verstecken könnten: irgendwo im Himmel oder in der Unterwelt. Ganz weit draußen im Meer oder in der Finsternis. Aber es hilft alles nichts!
Gott sieht den Menschen immer und überall. Diese Vorstellung hat zwei Seiten: Einerseits die bedrohliche Seite eines Big Brothers oder eines Stalkers, der mir nachstellt. Andererseits hat diese Vorstellung von Gott aber auch eine fürsorgliche Seite: Gott kümmert sich um mich, egal, wo ich bin. Er zeigt Interesse an mir – nicht nur, wenn ich mich bewusst an ihn wende.
Das wollte der Psalmschreiber wohl auch deutlich machen, wenn er das realisiert und voller Dankbarkeit zusammenfasst: „Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Staunenswert sind deine Werke.“
Und jetzt, wie soll der Mensch auf so einen Gott reagieren? Er kann dankbar sein, ja, aber was noch?
Psalm 139 hat einen Vorschlag. In der Übersetzung von Arnold Stadler klingt der so: „Und nun: durchleuchte mich noch einmal und stoß auf mein Herz: sieh mich an und urteile, was du von mir hältst! Bin ich nicht auf deinem Weg? Hilf mir, auf deinem Weg zu sein!“
Das ist auch der Inhalt der Liedstrophe, die wir gleich hören.
Der Mensch, der an diesen Gott glaubt, der immer und überall dabei ist, der kann zwei Dinge tun. Erstens: Wenn er auf das Leben zurückschaut, dann öffnet er sich für Gott: „Ja, Gott, du warst wirklich immer da. Schau auch dorthin in meinem Leben schauen, wo es nicht so toll war.“ Das ist das Erste.
Und das Zweite: Wenn der gläubige Mensch nach vorne schaut, dann wird er oder sie hoffen, dass Gott auch in Zukunft dabei bleibt: „Hilf mir, Herr, segne mich!“ 

         Dir will ich Dank bezeugen, der herrlich mich gemacht,

                   und mich voll Staunen neigen vor deiner Werke Pracht.

                   Du, der mich prüft und kennt, halt mich in deinem Segen,

                   leit mich auf ewgen Wegen bis an ein selig End.

(Altenburger Sängerknaben CD-Nr. ASK1-2000-3)

 

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