Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Jürgen Henkys, emeritierter Professor für Praktische Theologie in Berlin, gebührt das Verdienst, viele anrührende Lieder ins Deutsche übersetzt zu haben. So hat Jürgen Henkys einen großen musikalischen Schatz für uns geöffnet. Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt ist seine Übersetzung des englischen Originals: Now the green blade rises.
Ich stelle mir bei diesem Lied immer zwei Gruppen von Menschen vor. Die eine trägt die Verzweiflung der Welt vor, die Logik des Todes: Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. Die andere antwortet mit einem Glaubenssatz: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün. Im Grunde müsste man das Lied auch im Wechsel singen, dann wird verständlich, wie dieser Glaubenssatz kämpferisch, stur, beharrlich, trotzig, fröhlich, Widerstand leistet gegen die Logik des Todes. Denn der Satz argumentiert nicht, er stellt sich hin, setzt sich aus, und zeigt gerade darin seine Stärke: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün. Die Logik des Todes arbeitet sich an diesem Satz ab, führt Argumente an, will triumphieren, spricht gegen diesen Satz an: Jesus ist tot, wie sollte er noch fliehn – und scheitert immer wieder an einer sich ruhig präsentierenden Sicherheit: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
Korn, das in die Erde.
Jesus hat ein Gleichnis erzählt von einem Bauern, der sein Saatgut aussät. Er tut es in einer etwas verrückten Weise, denn er schleudert es nicht nur auf den guten Boden, er wirft es auch unter die Dornen und auf den Felsen. Ich glaube, Jesus wollte uns Menschen da etwas von der Liebe Gottes erzählen, die sich verschleudert, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht darauf, ob der Samen in Herzen fällt, die sich verhärtet haben, oder in Herzen, die sich freudig öffnen. Der Bauer verschleudert den Samen, aus lauter Liebe. Gegen alle Wahrscheinlichkeit, gegen alle Logik wirft er das Saatgut in die Welt, für alle Menschen.
Im Urlaub war ich früher häufig auf dem Bauernhof meiner Großeltern. Ich war als Kind fasziniert davon, mit welcher Kraft die Pflanzenhalme die Erde förmlich durchstoßen. Spitz und hart waren die grünen Halme, ich fühle es noch heute, neugierig hatte ich sie betastet. Liebe wächst wie Weizen. Liebe mag weich klingen, sie ist die stärkste Kraft, die es auf der Welt gibt. Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich, sagt das Hohelied der Bibel. Jesus hat uns gezeigt, dass sie stärker als der Tod ist und selbst das Totenreich ihr nicht widerstehen kann. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
Korn, das in die Erde.
Liebe ist nicht logisch. Und so kann es auch sein, dass Gott seine Menschen liebt, so unlogisch das auch eigentlich ist. Denn, logisch betrachtet, lohnt sich der ganze Aufwand kaum. Und, objektiv betrachtet, sind wir weder schön noch sonderlich liebenswert, mit all unseren Dornen und Stacheln und im Gestrüpp verfangenen Lebensträumen. Aber der Bauer fragt nicht, ob wir die Saat wollen. Er sät. Für uns. Und seine Rechnung geht auf. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
Korn, das in die Erde.

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