Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Im Angesicht des sicheren Todes schreibt Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe und Widerstandskämpfer, ein Gedicht, dessen Worte besonders berühren, wenn man um die Umstände seiner Entstehung weiß. Im Dezember 1944 wird Bonhoeffer im Gefängnis der Gestapo im Keller der Prinz Albrecht Straße in Berlin gefangen gehalten. Während die Bomben auf Berlin fallen und auch die Mauern seines Gefängnisses erschüttern, findet Bonhoeffer Worte tiefsten Gottvertrauens. Zum 70. Geburtstag seiner Mutter legt er seinem Brief an sie, sein Gedicht bei. Er hat noch knapp vier Monate zu leben, bevor er auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers hingerichtet wird - einen Monat vor der Kapitulation Deutschlands.

Von guten Mächten - Strophe 1

Mir öffnen die Worte Dietrich Bonhoeffers die Augen. Ich erkenne: Engel! Sie sind die guten Mächte, von denen Bonhoeffer dichtet und von denen ich mich, dank seiner Worte, treu und still umgeben weiß. Ich weiß nicht, wie es ihm im Gefängnis gelingt, sie wahrzunehmen. Mitten in bösesten Tagen, in kleinlichen Kränkungen durch seine Bewacher, mitten in der Angst vor dem nahen Tod. Aber er sieht Engel, und wenn er sich durch sie getröstet und behütet fühlt, dann darf ich das auch wagen: Meine Engel spüren, in meinen guten und in meinen bösen Tagen. Sie breiten ihre Flügel über mich, so dass mir nichts Böses zustoßen und nichts meine Seele zerstören darf.
Adolf Hitler ordnet an, dass Bonhoeffer gefangen gehalten, schließlich hingerichtet wird. Er jedoch schreibt, dass Gott ihm den schweren, bitteren Kelch reicht: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand. So nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern, aus deiner guten und geliebten Hand.“ Ich fand das lange rätselhaft. Bis ich verstanden habe: Bonhoeffer spricht Adolf Hitler und seinen Kerkermeistern die Machtbefugnis über ihn ab. Sie mögen sich einbilden, dass sie über ihn, ja über sein Leben und seinen Tod verfügen können. Doch es ist Gott, der die Macht im Himmel und auf Erden hat. Bonhoeffers ergebene, ja hingebende Haltung zerbricht die Herrschaft des Terrors. Diese Hingabe können sie nicht töten. Nicht einmal verletzen. Die Menschen, die Bonhoeffer erniedrigen wollen, müssen scheitern. Ich ahne, welche ungeheure Kraft sich in der Hingabe entfalten kann.

Strophe 2

Wieder öffnen sich die Augen und die Sinne. Bonhoeffer dichtet: „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang, der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“ Da ist eine Welt, unsichtbar um uns, und doch wahrnehmbar für Menschen, die sich einlassen auf Gottes Wirklichkeit. Dietrich Bonhoeffer hat sie gesehen und zeigt sie uns in seinem Gedicht, und so hilft er mir, diesen vollen, zugleich stillen Klang wahrzunehmen, mitten im Gedröhn der Gewalt, im Lärm des Alltags. Nicht alle meine Pläne werden gelingen, mir wird auch Leid nicht erspart bleiben. Aber ich werde behütet sein, umgeben von Engeln, getröstet und gerettet, vom Morgen bis zum Abend und, ganz gewiss, an jedem neuen Tag.

Strophe 1

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