Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Die Adventszeit ist eigentlich meine liebste Zeit im Jahr, zumindest in der Kirche. Ich mag dieses Warten und Sehnen, diese vielen Hoffnungsbilder, von denen in den Bibeltexten die Rede ist. Und ich mag die Lieder im Advent. Damit meine ich keine Weihnachtslieder und schon gar nicht die Musik, die ich jeden Tag auf dem Weihnachtsmarkt höre. Die meisten Adventslieder hört und singt man fast nur in der Kirche und auch da nur für drei bis vier Wochen. Selten zu hören und vielleicht deshalb schön, ja, kann sein. Aber auch der Inhalt hat es mir angetan, vor allem der von „Tauet Himmel den Gerechten“.

SWR2/Carus: Aus meines Herzens Grunde, CD1, Take 9, Strophe 1:

Tauet Himmel den Gerechten,
Wolken regnet ihn herab,
rief das Volk in bangen Nächten,
dem Gott die Verheißung gab:

Einst den Mittler selbst zu sehen
und zum Himmel einzugehen,
denn verschlossen war das Tor,
bis der Heiland trat hervor.
Denn verschlossen war das Tor,
bis der Heiland trat hervor.

Das Lied besingt nicht nur eine Hoffnung, es fordert sie ein: Tauet Himmel den Gerechten (...), Wolken regnet ihn herab. Jetzt mach doch endlich und komm schon, heißt das. Da möchte jemand nicht warten, bis sich die Gerechtigkeit von alleine und Schritt für Schritt ausbreitet. Da soll es ein bisschen plötzlich gehen. Mir spricht das aus dem Herzen: Wie schön wäre das, wenn die Ungerechtigkeit auf der Welt weggeschwemmt werden könnte, wenn sich endlich etwas tun würde, damit die Welt gerecht wird.
Der Dichter des Liedes, Michael Denis, hat im 18. Jahrhundert gelebt. Er war Jesuit, Lehrer und dann Professor in Wien. Neben Kirchenliedern hat Denis vor allem Theaterstücke für die Schule geschrieben. Und er hat Gedichte veröffentlicht, allerdings unter einem Künstlernamen: Dazu drehte er seinen Namen um und nannte sich „Sined, der Barde“.)
Das Lied bezieht sich auf einen Satz des Propheten Jesaja. Gott kündigt an, dass er Israel befreien werde. Und dann ruft er: „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, will es vollbringen.“(Jes 45,8)
Gott schüttet die Gerechtigkeit wie Regen vom Himmel und schon wird alles gut, so wie im Frühjahr nach lang ersehntem Regen plötzlich alles grün wird.
Unsere Adventslieder gehen allerdings von der lateinischen Übersetzung des ursprünglich hebräischen Textes der Bibel aus. Und die ist zweideutig. Die Lieddichter übersetzen deshalb nicht ‚Gerechtigkeit‘, sondern sie erwarten ‚den Gerechten‘. Was Gott da beim Propheten Jesaja ankündigt, passt in den christlichen Adventsliedern dann gut auf Jesus. Deshalb bleiben diese Lieder nicht bei dem Flehen der ersten Strophe, sie erzählen bald, wie der Engel Gabriel zu Maria kommt und ihr die Geburt Jesu ankündigt. Und sie bekennen: dieser Gerechte, der da erwartet wird, ist Jesus. Er öffnet uns die Türen, die bisher verschlossen waren. In ihm ist der Gerechte schon gekommen, jetzt ist es an uns, seine Gerechtigkeit weiterzuverbreiten.
Mir gefällt, dass es beides gibt: ich kann jammern und ungeduldig fordern: Bitte mach Du. Lass Gerechtigkeit regnen. Aber ohne mich geht es auch nicht: Wenn ich den ersten Tropfen abbekommen habe, dann bin ich dran. Bei mir soll die Gerechtigkeit weitergehen, aufblühen. In der letzten Strophe heißt es: „Lasst uns wie am Tage wandeln, allzeit für den Herrn bereit. Suchet, um gerecht zu handeln, Wahrheit, Fried und Einigkeit: jenem gänzlich nachzuleben, der uns allen Trost gegeben.“

SWR2/Carus: Aus meines Herzens Grunde, Instrumental, CD1, Take 9, M0317680 – Christine Busch, Kay Johannsen

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