Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Heute beginnt der Advent. Für viele Menschen ist diese Zeit immer noch besonders geprägt:– Adventskranz, Kerzenlicht, Düfte und Lieder. Advent heißt übersetzt Ankunft. Ankunft Gottes in unserer Welt. Wir erinnern uns daran, dass Jesus, der Sohn Gottes, vor über 2000 Jahren geboren wurde. Und wir bereiten uns darauf vor, dass er von neuem bei uns ankommen will.

 Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
es kommt der Herr der Herrlichkeit!
Ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Segen mit sich bringt,
derhalben jauchzt und freudig singt,
Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich an Rat. 

Aufnahme :  CD Carus-Verlag -Weihnachtslieder;
Orpheus-Vokalensemble, Ltg. Michael Alber 

Der Text dieses bekannten Liedes stammt von dem Königsberger Pfarrer Georg Wessel. Er hat es 1623 für die Einweihung einer neuen Kirche gedichtet und dabei auf den Psalm 24 zurückgegriffen. Dort heißt es:  

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehren einziehe“

Für den christlichen Lieddichter Wessel ist Jesus Christus dieser König. Er soll in die neue Kirche einziehen, damit aus dem von Menschen errichteten Gebäude  ein Gotteshaus werden kann.
So heißt die Aufforderung an die Gläubigen: Öffnet die Türen! Lasst Jesus herein! ER will zu euch kommen. Aber nicht nur in eure Gotteshäuser, so großartig sie auch sein mögen, sondern in euer Herz, damit dieses zum Tempel Gottes werden kann.  

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
euer Herz zum Tempel zubereit. 

Diese Strophe wendet sich an unser Inneres. Das ist typisch für Lieder in der Barockzeit. Es geht nicht nur ums „wir“ – also die Gemeinschaft der Gläubigen, sondern um jeden Einzelnen: in seinem ganz persönlichen Leben will Jesus ankommen. Möglicherweise war das der Grund, weshalb der evangelische Theologe Johann Freylinghausen neben anderen auch das Lied „Macht hoch die Tür“ in sein bekanntes Gesangbuch aufgenommen hat. Das Lied fand seither noch in vielen Geangbüchern Platz – und auch im neuen Gotteslob, das heute in der katholischen Kirche eingeführt wird, ist es wieder zu finden. Freylinghausen hat sich aber nicht nur für Kirchenmusik interessiert. Er war erst Mitarbeiter und später Leiter in einem Waisenhaus in Halle, wo völlig verwahrloste Kinder nicht nur ein Dach überm Kopf sondern auch Erziehung und Ausbildung bekamen. Diese Kinder, die bis dahin nur Hunger, Angst und Gewalt kannten – haben dort Geborgenheit und menschliche Zuwendung erfahren und das Gefühl, etwas wert zu sein.  

Das hat automatisch auch eine religiöse Bedeutung : Gerade diesen Kindern gilt die Zusage, dass Jesus Christus, der König der Herrlichkeit, in ihrem Herzen wohnen will. Er liebt sie – sie sind seiner Liebe wert. Diese frohe Botschaft sollen sie spüren, wenn sie das Lied singen. Deswegen wurde in den Waisenhäusern das Singen gepflegt– besonders in der Adventszeit. Viele Traditionen wie z.B. das gemeinsame Singen am Adventskranz haben hier ihren Ursprung. So wurden aus vernachlässigten Waisenkindern oft gut ausgebildete Sänger, die durch die Straßen zogen, um sich mit ihrem Singen ein paar Groschen zu verdienen. Und so haben sie das wunderbare Lied bekannt gemacht, von dem Sie abschließend noch die letzte Strophe hören:  

Komm, o mein Heiland, Jesus Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein,
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit,
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr. 

mit Orgel unterlegt 

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit  Ostermann, Andreas
Volksweise Lieder und Motetten zum Advent  1994    AUDIO 1'09

 

 

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