Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Lied Strophe 1

Eines der beliebtesten Kirchenlieder war nach dem zweiten Weltkrieg in Misskredit geraten: Führer, dem ich traue - das konnte man nach 1945 wirklich nicht mehr guten Gewissens singen. Ich selbst habe dieses Lied deshalb erst spät kennengelernt, denn in meinem ersten Gesangbuch fand es sich nicht. Erst im neuen Evangelischen Gesangbuch ist das von Adolf Krummacher gedichtete und von Mina Koch mit einer eingängig-romantischen Melodie vertonte Lied wieder vertreten.
Ich finde, es ist ein Lied, das tatsächlich mit englischen Kirchenliedern konkurrieren kann, die rechte Prise Pathos, gewürzt mit Herz und Leidenschaft, ein Liebeslied, an Gott gerichtet. Als ich es zum ersten Mal gehört habe, hat es mich fast zu Tränen gerührt.
Es ist natürlich eine Schande, dass nur zwei Frauen unter den Komponisten im Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs zu finden sind, aber immerhin ist Mina Koch, der Komponistin, ein großer Wurf gelungen.
Ich kann mir richtig vorstellen, wie Mina Koch 1887 anlässlich eines Besuchs bei ihrem Bruder in Groß Möringen in der Altmark einen Gedichtband in die Hand nimmt, blättert, stutzt und sich in die Verse von Adolf Krummacher vertieft. Der war damals schon drei Jahre tot und sein Gedicht hatte als Lied keine rechte Verbreitung gefunden, alle Vertonungen trafen nicht den Geschmack der Menschen. Mir scheint: Die Verse Krummachers hatten einfach auf Mina Koch gewartet. Die Musikerin setzt sich sofort ans Klavier und komponiert eine Melodie, die noch mehr als hundert Jahre später Menschen bewegt. Keine andere Vertonung hat je diese Popularität erreicht.

Lied Strophe 2

Ohne dich, wer nähme, meine Bürde wer... Es hat eine eigene Tragik, dass Mina Koch früh erblindete. Wahrscheinlich könnte man sie heute erfolgreich operieren, zu ihrer Zeit war das noch nicht möglich. Stab, an dem ich geh - sie wird tatsächlich einen Blindenstock gebraucht haben, um sich zurechtzufinden.
Ob sie wohl noch Klavier spielen konnte? Bei einer geübten Musikerin finden sich ja die Finger auch ohne Noten auf der Klaviatur zurecht. Zu ihrer Zeit lernten die Menschen noch viel auswendig. Auch als sie erblindet war, nehme ich jedenfalls an, konnte sie viele Lieder singen. Auch: Stern, auf den ich schaue...
Schon als sie dieses Lied vertonte, wusste sie, was für Bürden ein Mensch tragen muss. Ihre Mutter war früh gestorben, auch zwei ihrer zehn Kinder, und es dürfte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kein Zuckerschlecken gewesen sein, zehn Kinder auf die Welt zu bringen. Als sie 50 Jahre alt war konnte sie schon nichts mehr sehen, wahrscheinlich hat sie bereits bei der Vertonung von „Stern, auf den ich schaue" gemerkt, dass ihre Sehkraft nachließ. Und dass Menschen innere Bilder brauchen, wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr wahrnehmen können. Dass sie dann Musik brauchen, Lieder, die leuchten wie die Sterne, einen Glauben, der stark macht und mutig, innere Bilder, so zart und zugleich kräftig gemalt wie die Verse von Adolf Krummacher.

Lied Strophe 3

1924 schallten für Mina Koch die Glocken, sie starb mit 79 Jahren und wurde in Wernigerode beerdigt, auf dem selben Friedhof, auf dem sich auch das Grab von Adolf Krummacher befand. So lagen nun Komponistin und Dichter des Liedes „Stern, auf den ich schaue", auf dem selben Gottesacker. Ich finde, das hat etwas sehr Anrührendes, es passt zu ihrem gemeinsamen Lied. Und: Ihr gemeinsames Lied klingt weiter. Stern, auf den ich schaue.

Lied Strophe 1

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