Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 474 neu

Der Sommer ist vorbei, der Herbst kommt. Zeit für ein Fest: Erntedank. Ein altes Fest - und ich finde: ein schönes Fest. Trotz seines altertümlichen Namens. Altertümlich, weil heute die Ernte für viele Menschen ganz und gar unwirklich geworden ist. In der Stadt gibt's keine Ernte und im Supermarkt auch nicht. Dass Früchte, Gemüse und Korn eine Zeit zum Reifen und Wachsen brauchen, das lässt sich heute kaum noch erfahren. Dass Frauen und Männer auf dem Feld stehen und Getreide einbringen, dass Früchte gepflückt werden, dass Gemüse geerntet wird - für viele unvorstellbar. Wofür also dieses Fest noch, wenn doch Obst, Gemüse, Kartoffeln und Getreide tagein, tagaus im Geschäft zu haben sind? Das moderne religiöse Lied »Wenn wir das Leben teilen«, legt eine Spur.

1. Wenn wir das Leben teilen wie das täglich Brot, wenn alle, die uns sehen, wissen hier lebt Gott. |: Jesus Christ, Feuer das die Nacht erhellt, Jesus Christ, du erneuerst unsre Welt. :| (2x)

Hier steht nicht die Ernte und auch nicht der Dank im Mittelpunkt - und trotzdem erzählt das Lied viel über Erntedank. Erntedank heißt nämlich: Feiern, dass die Erde, dass die Schöpfung uns Menschen ernährt. Auch wenn immer mehr Technik bei der Produktion von Essen zum Einsatz kommt. Letztlich brauchen wir Menschen die Erde, eine Erde, die mit uns teilt, was uns am Leben erhält. Aber nicht nur die Erde teilt mit den Menschen. Auch das Leben von Menschen kann nur gelingen, wenn es geteilt wird. Wie das tägliche Brot. Sein Leben zu teilen, das glaube ich, heißt auch: Als Christ zu leben.

2. Wenn wir das Blut des Lebens teilen wie den Wein, wenn man erkennt, in uns wird Gott lebendig sein: |: Jesus Christ, Feuer das die Nacht erhellt, Jesus Christ, du erneuerst unsre Welt. :| (2x)

»Wenn wir das Leben teilen« erzählt von Brot und Wein. Kein Wunder, denn diese beiden ganz grundlegenden Lebensmittel stehen im christlichen Gottesdienst im Mittelpunkt. Nicht zu Unrecht: Brot und Wein sind einerseits Gaben der Erde, zugleich aber sind sie auch Produkte menschlicher Kultur. Brot und Wein wachsen nicht auf Bäumen oder in der Erde. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel von Erde, Schöpfung und der Phantasie und Arbeit des Menschen.

3. Wenn wir uns öffnen für den Herrn in dieser Zeit, Wege ihm bahnen, dass er kommt und uns befreit:|: Jesus Christ, Feuer das die Nacht erhellt, Jesus Christ, du erneuerst unsre Welt. :| (2x)

Der Liedtext des Kölner Komponisten Hans Florenz auf die Musik des französischen Priesters Michel Wackenheim legt nahe, was Brot und Wein können: Meine Augen für Gott mitten in der Welt zu öffnen. Denn gerade an Erntedank kann ich erleben: Ich bin als Mensch abhängig. Von der Erde und von anderen Menschen. In der Religion heißt das: ich bin von der Schöpfung abhängig. Und ich kann dankbar sein, dass ich leben kann. Die Schöpfung und die Phantasie der Menschen legen immer wieder eine Grundlage für mein Leben.

 

Wenn wir das Leben teilen (Strophen 1-3)

Text: Hans Florenz nach dem französischen Original von Claude Rozier

Musik: Michel Ambroise Wackenheim

Chor der Schülerinnen und Dozentinnen des Instituts für Kirchenmusik, Mainz

In: Eingeladen zum Fest des Glaubens. 63 neue und alte Lieder für den Gottesdienst

Institut für Kirchenmusik (Hg.), Mainz

BM 1299

CD 2, Take 22 (1:28)

 

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