Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.

Matthias Claudius hat diese Verse 1783 gedichtet, ein Lied, das für mich untrennbar zur Erntezeit gehört, und nicht nur für mich! Schnell hat das Lied Grenzen überwunden, schon 1861 wurde es ins Englische übersetzt und gehört heute zu den bekanntesten Thanksgiving Liedern.
Ursprünglich hatte Claudius die Verse als Redakteur des Wandsbecker Boten veröffentlicht, in einem Artikel, der ein fiktives Fest auf dem Lande schildert. Bei diesem Fest treffen hochnäsige Adelige auf einfache, aber menschlich edle Bauern. 1783, nur sechs Jahre vor der Französischen Revolution, hat das eine besondere Note. Die ländliche Idylle schillert gewaltig, mindestens so wie die Tautropfen im Sonnen- und Mondenschein.

Es ist viel diskutiert worden, welche Bibelstellen Claudius zu seinem Lied angeregt haben. Mich erinnern seine Verse an das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat im Markusevangelium. Jesus sagt da: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.

Das Gleichnis ist genauso politisch brisant wie das Fest der Bauern. Denn schon den ersten Zuhörern Jesu war klar: Mit der Sichel ist - auch - das Gericht über die ungerechten Herrscher gemeint, und mit der Ernte wird an das Ende der Unrechtsherrschaft gemahnt. Mit Sicheln haben sich schon vor Jesu Zeiten Bauern in Israel bewaffnet und gegen die Besatzer ihres Landes gekämpft. Und auch die Bauern, die lange für die arroganten Adeligen schuften mussten, hatten in Frankreich dann Sicheln in der Hand, mit denen sie eine andere Ernte einfuhren.

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn

- das ist gegen menschlichen Allmachtswahn gedichtet. Und gegen menschliche Rücksichtslosigkeit, den eigenen Menschen-Brüdern und Schwestern, der gesamten Schöpfung gegenüber. Wir werden Rechenschaft ablegen müssen über unseren Umgang mit der Schöpfung, mit Menschen, Tieren und Pflanzen. Denn die Schöpfung gehört nicht uns. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn. Die Erde ist uns lediglich geliehen.

Drum dankt ihm dankt und hoffet auf ihn.

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