Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Da hat mir der rote Faden gefehlt, sagen wir, wenn wir in einer Rede     keinen Zusammenhang entdecken.

Ich finde, das Bild vom roten Faden lässt sich auch gut übertragen auf den eigenen Lebenslauf. Wenn ich nämlich zurückschaue auf das, was  ich erlebt habe  - gibt es da nicht so etwas wie einen inneren Zusammenhang? Einen roten Faden?

In dem Choral, den ich Ihnen heute mitgebracht habe, geht es genau darum: um den roten Faden. „Was Gott tut, das ist wohlgetan", so heißt er bei Samuel Rodigast, dem Dichter dieses Liedes. Er wurde im Jahr 1649 in der Nähe von Jena geboren. Die Melodie komponierte sein Freund, der Jenaer Kantor Severus Gastorius. 

Wir hören zunächst die erste Strophe:

 

Musik 1

Einspielung, Choralsatz, Vers 1

 

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

Es bleibt gerecht sein Wille;

Wie er fängt meine Sachen an,

Will ich ihm halten stille.

Er ist mein Gott,

Der in der Not

Mich wohl weiß zu erhalten;

Drum lass ich ihn nur walten.

 

Auch wenn der Dichter, als er diese Zeilen schrieb, erst 26 Jahre alt war - mit diesen Worten zieht er schon einmal Bilanz.

Er findet den roten Faden seines Lebens in der Treue Gottes. Sie hat  ihn über Höhen und durch Tiefen begleitet. Nein, blauäugig oder naiv ist Samuel Rodigast dabei sicher nicht.

Denn er kennt auch das Leid und die Fragen, die sich dann an Gott richten. Da ist die schwere Krankheit seines Freundes, des Kantors. Das psychische Leiden seines Vaters, der sich später das Leben nimmt.

Nein, blauäugig oder blind ist Samuel Rodigast nicht. Eher weitsichtig. Denn er sieht durch das, was geschieht, hindurch auf das, was am Ende bleibt. Und das, was bleibt, ist - trotz aller Brüche und Brechungen im Leben -  die Treue und Verlässlichkeit Gottes. Die feste Zuversicht, dass, wer Gott vertraut, niemals gottverlassen ist. 

Und so dichtet er voller Zuversicht auch die letzte Strophe seines Liedes, wo es am Ende heißt:  „So wird Gott mich, ganz väterlich in seinen Armen halten; drum lass ich ihn nur walten."

Auch hier wieder: die Treue Gottes durchzieht das Leben so wie ein roter Faden ein dickes Tau durchzieht.

Und wie um das zu demonstrieren, ist in der Aufnahme der Gächinger Kantorei, die sie jetzt hören, der rote Faden akustisch herausgearbeitet. Nämlich in der Trompetenstimme, die in wunderbarer Weise den Choral  umspielt und begleitet.

Hören Sie einmal genau hin! Und lassen Sie sich vielleicht sogar davon inspirieren, den roten Faden  im eigenen Leben zu finden...

 

Musik 2

Einspielung, Choralsatz, Vers 6

 

Was Gott tut, das ist wohlgetan,
dabei will ich verbleiben.
Es mag mich auf die raue Bahn
Not, Tod und Elend treiben,

so wird Gott mich ganz väterlich
in seinen Armen halten;
drum lass ich ihn nur walten.

 

 

 Musik 1   aus der CD
„Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten Kirchenlieder."
Gesang: Marion Eckstein   Klavier: Götz Payer
LC  3989

 

Musik 2      aus der CD

JS Bach, Die kompletten Werke, Kantaten
Schlusschoral aus Kantate BWV 12

Gächinger Kantorei
Helmut Rilling

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16070