Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Das Wort lässt mich aufhorchen. „Komm", sagt der Vater zu seinem Kind. Beide treffe ich auf dem Spielplatz. Da ist wie immer was los. Kindergeschrei, lautes Toben. Eltern sitzen auf den Bänken und erzählen, einer schubst seinen Sprössling auf der Schaukel an.Dann wird es Abend, Zeit, nach Hause zu gehen. Und da beobachte ich einen Vater, der zu seinem Kind geht. „Komm,"sagt er und streckt die Hand aus. Natürlich hat das Kind erst keine Lust. Nochmal sagt der Vater ganz ruhig „Komm". Und dann lässt das Kind tatsächlich vom  Spiel ab, nimmt die ausgestreckte Hand - und ich sehe beide zusammen um die nächste Ecke biegen. Mich rührt das Bild. Das Kind geht, auf ein einfaches Wort hin, mit seinem Vater nach Hause. „Komm", das klingt zärtlich und einladend.

Das Bild habe ich auch im Kopf, wenn ich das Lied singe: »Kommt herbei, singt dem Herrn« 

1. Kommt herbei, singt dem Herrn, ruft ihm zu, der uns befreit. (2x) / Singend lasst uns vor ihn treten, mehr als Worte sagt ein Lied. (2x)

 „Los, kommt", schreit mein Sohn und stürzt mit seinen Geschwistern davon. Sie haben Geld von mir gekriegt und können sich ein Eis holen. Dieses „Kommt" klingt ganz anders, als das einladende, zärtliche „Komm". Denn bei „Kommt" höre ich vor allem auch Energie, Begeisterung.

Beide Facetten bedient »Kommt herbei, singt dem Herrn«. Der Dominikanerpater Diethard Zils hat es vor gut vierzig Jahren auf die Melodie eines israelischen Volksliedes gedichtet. Die Melodiewahl legt sich nahe. Denn sein Liedtext lehnt sich stark an einen Psalm an. Psalmen, das sind Liedtexte, die sich in der Bibel finden lassen. 150 insgesamt. Es sind gesungene Gebete der Juden wie der Christen. Teilweise haben sie mehr als 3000 Jahre auf dem Buckel. In diesen Psalmen geht es um den Menschen - und um Gott. Wie auch in unserem Lied. 

2. Er ist Gott, Gott für uns, er allein ist letzter Halt. (2x) / Überall ist er und nirgends, Höhen, Tiefen, sie sind sein.(2x)

 Die Aufforderungen „Komm" und „Kommt" setzen auf ein großes Vertrauen. Sie bauen darauf, dass es gut ist, mit jemanden zu gehen, jemanden zu folgen. Und genau dieses Vertrauen brauchen Menschen. Es ist lebensnotwendig. Das Lied »Kommt herbei« überträgt dieses Vertrauen auf das Verhältnis des Menschen zu Gott. Dabei geht es keineswegs darum, Gott blind, dumm oder naiv zu vertrauen. Das Lied erinnert an den Grund, warum Menschen Gott vertrauen können: Weil Gott frei macht. Im Alten Testament zeigt das die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, im Neuen Testament kann Paulus sagen: Ihr Christen seid durch Jesus zur Freiheit befreit. 

6. Menschen, kommt, singt dem Herrn, ruft ihm zu, der uns befreit. (2x) / Singend lasst uns vor ihn treten, mehr als Worte sagt ein Lied. (2x)  

Nur aus der Freiheit  kann sich Vertrauen speisen. Vertrauen braucht keinen Zwang, sondern die Möglichkeit zu wählen, ein freies Herz. Und aus dieser Freiheit heraus können dann Menschen vertrauen, wenn andere oder auch Gott sagt: „Komm". 

Kommt herbei, singt dem Herrn

Text: Diethard Zils (nach Psalm 95), 1973

Melodie: Volkslied aus Israel

© Gustav Bosse Verlag, Kassel

Chor-und Begleitsatz: Horst Krüger, 2002

© Verlag Singende Gemeinde, Wuppertal

 

Aufnahme

Track 1; CD »Kommt herbei, singt dem Herrn« (2003)

Ausführende: Die Kleine Kantorei des Christlichen Sängerbundes

Verlag Singende Gemeinde CS 95207 (ISBN 3877530442)

LC 00064

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