Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Aus der Schwermutshöhle
Das Lied, das ich Ihnen heute nahe bringen möchte, beginnt in der Tiefe. Ein Mensch ist unten. Eingeschlossen in äußere und innere Not. Eine „Schwermutshöhle" hat Paul Gerhardt, der Dichter des Liedes, diese Lage auch genannt.
Aber das Lied „Du meine Seele singe" ist beides:
Zeugnis dieser Tiefe, in der man steckt, und ein möglicher Weg heraus. Die Melodie von Johann Ebeling hat diesen Weg kongenial in Töne gefasst. Mit den ersten fünf Noten führt er zehn Töne hinauf.

Musik 1:  Du meine Seele singe Str. 1
Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön
dem, welchen alle Dinge zu Dienst und Willen stehn
Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd;
ich will ihn herzlich loben, solang ich leben wird.

„Du, meine Seele singe." Frappierend, dieser Anfang.
Wer in das Lied einstimmt, wendet sich quasi an sich selbst. Ich kenne das: Eingekrümmt in sich selbst, fällt es schwer, sich aufzuraffen.
Paul Gerhardt weiß, dass auch in der Schwermutshöhle singen gut tut. Aber dazu muss man sich geradezu überreden: „Du, meine Seele singe." Das Lied besingt und ersingt einen Weg aus der Tiefe. Aber entfalten kann er sich erst, wenn man anfängt zu singen.
So, wie es heute im Gesangbuch steht, wendet sich schon die zweite Strophe zu Gott. Allerdings; zwei Strophen aus der Urfassung fehlen heute. In einer dieser vergessenen Strophen wird deutlich, in welch finsteren Zeiten er gelebt hat. In die „Schwermutshöhle" führt oft äußere Not. Wenige Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges sind die Wunden noch lange nicht geheilt, weder die des Landes, noch die der Menschen. Paul Gerhardt blendet die Tiefe nicht aus.

Musik 2 instrumental
Ihr Menschen, lasst euch lehren, es wird sehr nützlich sein:
Lasst euch doch nicht betören. Die Welt mit ihrem Schein.
Verlasse sich ja keiner auf Fürstenmacht und -gunst,
weil sie - wie unser einer - nichts sind, als nur ein Dunst.
Menschen nur Dunst? So erlebt Gerhardt seine Nachkriegszeit. Nicht nur die einfachen Menschen sind klein. Er holt auch die Fürsten vom Sockel. Fast demokratisch.
Wenn man so unten ist, braucht es viel Mut, auf zu schauen. Ob überhaupt noch irgendwo etwas Helles ist. „Wer traurig ist, lernt erst im Loben wieder, auch Gott zu loben."(Petra Bahr)

Musik 3
Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt.

Das Lied lenkt den Blick zu Gott. Nicht, um singend abzuheben. Es ist umgekehrt: Singend lernt man einen Gott kennen, der der Erde immer näher kommt. Strophe um Strophe. Als Freund der Elenden, der Traumatisierten, Waisen und Traurigen. Und in der letzten Strophe ist man selbst doch auch mehr als „Dunst": Erhellt vom Singen. Immer noch sterblich, aber geadelt, Gott zu loben und so fähig, auf den Spuren Gottes selbst Freund der Traurigen und Elenden zu sein.

Musik 4  Strophe 8
Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm;
der Herr allein ist König, ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt,
ist's billig, dass ich mehre, sein Lob vor aller Welt.

Du meine Seele singe aus CD„Aus meines Herzens Grunde.
Die schönsten Kirchenlieder" Weller/Payer,
LC 3989
Du meine Seele singe, CD Mit Paul Gerhardt durch das Kirchenjahr
Holzbläserensemble St. Michaelis Hamburg, Widder Musik LC 7455
Du meine Seele singe aus CD:Paul Gerhardt, Befiehl Du Deine Wege
Choraufnahmen mit dem Solistenensemble; Ltg Gerhard Schnitter Hänssler CLASSIC LC 06047
Du meine Seele singe aus CD Mit Paul Gerhardt durch das Kirchenjahr
Vocalensemble St. Michaelis Hamburg LC 7455

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