Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Erhör, o Gott, mein Flehen - GL 302

Sie ist 45 und weit herumgekommen. Studiert hat Edith Stein in Breslau, Göttingen und Freiburg. Trotz einer ausgezeichneten philosophischen Doktorarbeit erhält sie keinen Lehrstuhl; eine Professur war damals Frauen verschlossen. Sie arbeitet als Religionslehrerin in Speyer und als Dozentin in Münster und hält viele Vorträge.

Auch ihr innerer Weg ist bewegt: Aus einem jüdischen Elternhaus stammend, wird sie mit 15 Jahren Atheistin und lässt sich mit 30 taufen. Kurz nach ihrem 42. Geburtstag tritt sie 1933 in den Kölner Karmel ein, und aus Edith Stein wird Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz. 1936 verfasst sie ein Lied, das sich eng an den 61. Psalm anlehnt.

Erhör, o Gott, mein Flehen, / hab auf mein Beten acht. / Du sahst von fern mich stehen, / ich rief aus dunkler Nacht. / Auf eines Felsens Höhe / erheb mich gnädiglich. / Auf dich ich hoffend sehe: / Du lenkst und leitest mich.

Es ist Nacht. Ein einsamer Mensch schreit seine Not heraus - mit der Bitte, dass der Ruf nicht ins Leere gehe, sondern Gehör finde. Obwohl es dunkel ist, erfährt die Beterin so etwas wie einen Blickkontakt: Gott sieht sie von fern stehen, und sie sieht hoffend auf ihn. Schon am Ende der ersten Strophe steht nicht mehr eine Bitte, sondern ein Vertrauensbekenntnis: Du lenkst und leitest mich.

Du bist gleich einem Turme, / den nie der Feind bezwang. / Ich weiche keinem Sturme, /
bei dir ist mir nicht bang. / In deinem Zelt bewahren / willst du mich immerdar. / Mich hütet vor Gefahren / dein schirmend Flügelpaar.

In diese schlichten Verse übersetzt die dritte Strophe des Liedes die Worte und Bilder des Psalms. In einem Brief hat Edith Stein einmal geschrieben: „Es ist im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben." Eine kleine, einfache Wahrheit - aber sie ist alles andere als harmlos. Bei dir ist mir nicht bang - das sagt die Beterin angesichts des Sturms, und dass Gott sie behütet, das geht ihr in der Gefahr auf.

Zwei Jahre, nachdem dieses Lied entstanden ist, und wenige Wochen nach der Reichspogromnacht verlässt Edith Stein an Silvester 1938 Deutschland. Doch vier Jahre später erreicht die nationalsozialistische Judenverfolgung auch das niederländische Kloster, in dem sie nun lebt. Am 2. August 1942 wird sie verhaftet und in ein Sammellager gebracht. In einem Lebenszeichen, das sie an ihr Kloster schicken kann, erwähnt Edith Stein: „konnte bisher herrlich beten". Am 9. August stirbt sie in den Gaskammern von Auschwitz.

Ihr Leben konnte vernichtet werden. Aber sie starb in dem Glauben, den ihr Lied ausspricht: Es wird ja nie zunichte des Herrn Barmherzigkeit für den Menschen, der sich Gott anvertraut.

Vor Gottes Angesichte / steh er in Ewigkeit. / Es wird ja nie zunichte / des Herrn Barmherzigkeit. / So will dein Lied ich singen, / wie ich es dir versprach, / mein Lobesopfer bringen / von neuem Tag um Tag. 

 Musik Ausführende: Doris Eichkorn und Volker Nagel

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