Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

21JUL2013
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Zumindest die Kinder der 1950er bis 1960er Jahre sind an dem Superhit von Cat Stevens nicht vorbei gekommen: Morning has broken. Cat Stevens sang sicherlich die bekannteste, wenn auch nicht die einzige Interpretation. Das Lied wurde auch von Daliah Lavi, Nana Mouskouri, Neal Diamond und Demis Roussos gesungen. Und natürlich von mir, am Lagerfeuer bei Jugendfreizeiten. Vielleicht nicht so perfekt gesungen wie von Cat Stevens, aber mit viel Inbrunst und Sehnsucht im Herzen.

Lied: Cat Stevens, Morning has broken

Jürgen Henkys bleibt mit seiner Übersetzung eng am englischen Original. Er selbst schreibt, es sei bemerkenswert, dass das Lied keine Bitte enthält - einzigartig für ein Morgenlied im Gesangbuch. „Morgenlicht leuchtet" konzentriert sich ganz auf den ersten Glaubensartikel, auf Gott den Schöpfer.
Ich finde es bemerkenswert, wie die zarten Verse, 1987 in der DDR ins Deutsche übersetzt, durchsichtig werden für die politischen Verhältnisse der Zeit. Das Morgenlicht, das leuchtet, das ist 1987 nicht nur ein schöner Sommermorgen, das ist im Rückblick auch das Morgenlicht der Demokratie, während der reale Sozialismus seiner Abenddämmerung entgegenging.

Morgenlicht leuchtet, Strophe 1

Jürgen Henkys war als Dozent der Kirchlichen Hochschule in Ostberlin im Fokus der Stasi-Beobachtung, die Hochschule galt dem Zentralkommitee der SED wörtlich als „Zentrum reaktionärer Kräfte und feindlicher Ideologie". Auf diesem Hintergrund gewinnt das Lied einen eigenen, politischen Klang: Der Morgen gehört keiner Partei, und er verdankt sich auch nicht dem Zentralkommitee, sondern dem Schöpfer. Harmlos ist das nicht, und das wussten die Regierenden ganz genau. Wenn allerdings die Spuren Gottes noch im Tau und jedem grünen Blatt erkennbar sind, dann kann selbst eine Diktatur wenig dagegen tun. Widerstand kann so zart zum Klingen gebracht werden wie in Jürgen Henkys Worten, bezaubernd leicht.

Morgenlicht leuchtet, Strophe 2

Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet - die Revolution war dann zwar nicht sanft, aber immerhin friedlich. So kann in der letzten Strophe Dank und Freude über diesen Sieg mitschwingen. Das Leben ist ein wunderbares Gottesgeschenk!
Amselgesang schwingt sich in jubelnde Höhen, und mit diesem Vogelruf wagt das Lied einen mutigen, jubelnden Überschwang. Ausgelassenheit ist nicht unbedingt üblich in kirchlichen Kreisen, ich finde es wohltuend und anregend, eine jauchzende Begeisterung. Sie macht mir richtig Lust, das Herz in die Höhe zu werfen.

Morgenlicht leuchtet, Strophe 3

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