Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Das Lied, das ich Ihnen heute Morgen mitgebracht habe, verbinden manche unter Ihnen möglicherweise gar nicht so sehr mit dem Evangelischen Kirchengesangbuch. Sondern eher mit einem Film. Der Verfilmung von Carl Zuckmayers Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick" aus dem Jahr 1956.
Da singen es die zu einem Anstaltsgottesdienst versammelten Zuchthäusler: „Bis hierher hat mich Gott gebracht, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte..."
Und niemandem aus dem Publikum entgeht die tragische Komik dieser Szene. „Bis hierher hat mich Gott gebracht" - Gilt das wirklich für alle Lebenslagen?

Musik 1, 1. Vers „Bis hierher hat mich Gott gebracht"

Die Dichterin dieses Liedes, Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, die es mit 62 Jahren schrieb, ist eine Frau mit großem Namen. Ihr Leben allerdings begann in ärmlichen  Verhältnissen. Als Flüchtlingskind im Dreißigjährigen Krieg erblickte sie 1637 auf der Heidecksburg bei Rudolstadt in Thüringen das Licht der Welt.
Mit vier Jahren verlor sie den Vater, mit fünf die Mutter. Ihre Tante und Patin nahm das Waisenkind zu sich in Pflege und ließ ihm - zusammen mit den eigenen Kindern - eine gute Bildung zukommen.
Schon früh fielen ihre Klugheit und Ernsthaftigkeit auf. Sie ermahnte ihre Schwestern, fleißiger zu lernen, damit "... alle diejenigen sollten widerleget werden, die da meinten, dass Weibsbilder zum Studieren keineswegs tüchtig seien." Bereits mit 14 Jahren schrieb sie Gedichte in deutscher und lateinischer Sprache.
Am Ende ihres Lebens kommt sie auf beinahe 600 geistliche Lieder, die sie für alle möglichen Anlässe und Nöte verfasste. Sie stehen für ihren Glauben, dass Gott, der das Große und Ganze geschaffen hat, auch  jedes einzelne Leben lenkt und leitet.

Musik 2, 2. Vers „Hab Lob und Ehre, Preis und Dank"

Die Zuwendung Gottes in der Vergangenheit, wie Ämilie Juliane sie immer wieder konkret erlebt hatte, ist für sie das Fundament ihres Vertrauens in die Zukunft.
„Der Herr hat Großes mir getan, bis hierher mir geholfen". Mit dieser Überzeugung lebte sie: dass die eigene Lebensgeschichte nicht regiert wird vom blinden Zufall. Sondern eingewoben ist in die größere Geschichte des Jesus von Nazareth. In seinem Leiden begegneten ihr die Schmerzen und Verletzungen ihres eigenen Lebens wieder. Bei ihm fand sie ihr Leben tröstlich aufgehoben.
Und so singt sie ihr Lied - mutig, trotzig und getrost - als ein Lied der Hoffnung und der Zuversicht - für alle Lebenslagen!

Musik 3, 3. Vers „Hilf, fernerweit, mein treuer Hort"

Musik 1- 3) "Bis hierher hat mich Gott gebracht"
Track 2 aus CD 3 „Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten Kirchenlieder"
Mertens/Johannsen
 LC 3989

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