Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(EG 449)
Zu meinen Lieblingswegen im Frühjahr gehört ein Spaziergang über den Philosophenweg in Heidelberg. Unten fließt der Neckar in ruhiger Bahn. Gegenüber auf der anderen Seite des Tals erhebt sich die mächtige Ruine des alten Schlosses. Rechts und links aber zeigen sich schon die Boten des Frühlings: gelbe Forsythien, bunte Tulpenköpfe, das knospende Grün der ersten Blätter.
Das liegt an der Sonne, die hier oben wärmer scheint als anderswo. Es ist ein köstliches Gefühl, sich dann auf eine Bank zu setzen und einfach nur die wärmenden Sonnenstrahlen des nahenden Frühlings im Gesicht zu spüren.

Musik 1, 1. Vers „Die güldene Sonne voll Freu und Wonne..."

Paul Gerhardt, der Dichter dieses Liedes, besingt das Glück des Erwachens neuer Lebensgeister am Morgen. Gibt es etwas Schöneres als wach zu werden? Herauszutreten auch aus der Dunkelheit der vergangenen Nacht. Und neu beseelt und gekräftigt in den neuen Tag zu gehen.
Vom Glück des Erwachens wird allerdings nur sprechen können, wer gerne die Augen aufmacht und neugierig auf das schaut, was vor ihm liegt. Wer den Schlaf abschüttelt, sich gerne überraschen lässt und über das, was dem Auge sich bietet, ins Staunen gerät.

Musik 2, 2. Vers „Mein Auge schauet, was Gott gebauet..."

Und dann ist heute auch noch Sonntag! Am ersten Tag der Woche, „als eben die Sonne aufging", wie es in der Bibel heißt, kamen die Frauen zum Grab Jesu und fanden es leer. Seitdem ist dieser Tag der Sonntag, der Tag, an dem die Auferstehungssonne scheint. Und Christus als Licht der Welt besungen wird.
Denn für Paul Gerhardt ist klar, dass im Licht der Morgensonne noch ein größeres Licht leuchtet. Das Licht des auferstandenen Christus. Paul Gerhardt hat dieses Bild in sich getragen. Gerade auch in dunklen Zeiten, wo er nicht auf der Sonnenseite des Lebens stand. Davon gab es genug.
Und dennoch. Wer an die Sonne glaubt, weiß auch, dass sie auch dann da ist, wenn sich gerade Wolken davor geschoben haben. Und so legt Paul Gerhardt alles, was er hat, in seinen Sonnengesang und singt seinem Schöpfer ein Loblied:

Musik 3, 3. Vers „Lasset uns singen dem Schöpfer bringen..."

Die Sonne ist das machtvollste aller Gestirne. In ihr liegt die Kraft zu leuchten und zu wärmen. Sie setzt unserer Zeit ihren Rhythmus, in dem sie den Tag von der Nacht scheidet. In dem Segen, den sie spendet, findet Paul Gerhardt darum auch die Segensfülle Gottes abgebildet. So wie sie uns täglich mit Licht und Wärme versorgt, so lässt Gott - jeden Morgen neu - den Schein seiner Barmherzigkeit über uns aufgehen.
Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann hat in unserer Zeit und mit ihren Worten einen Gesang an die Sonne geschrieben. Darin heißt es:
„Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Dass ich wieder sehe und dass ich dich wiederseh!
Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein...

Musik 1-3 „ Die güldene Sonne"(CD1, Track 2 „Aus meines Herzens Grunde.)
Die schönsten Kirchenlieder", Klaus Merten/ Götz Payer; Carus Verlag, LC 3989

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