Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Manchmal, wenn einen der Schmerz sprachlos macht, sind es Töne und Melodien, die uns eine Botschaft aus einer anderen Welt schicken. Manchmal in Situationen, wo einem die Worte im Hals stecken bleiben, ist es die Musik, die sich wie ein tröstender Engel nähert und sich zu dir stellt. Eine solche Erfahrung verbindet mich mit dem Schlusschorals der Johannespassion von Johann Sebastian Bach.

Einspielung: Choral
An unserem letzten Schultag war ihre Beerdigung. Das Abitur lag hinter uns. Aber die Freude darüber war getrübt. Denn vor uns lag der Tag ihrer Beerdigung auf dem Hauptfriedhof.
Unsere 19jährige Mitschülerin hatte den Tag unserer Abschlussprüfung nicht mehr erlebt. Während wir uns eifrig auf unsere Prüfung vorbereitet hatten, lag sie schon auf dem Sterbebett. Ein knappes Jahr zu vor, vielleicht auch länger, hatte alles begonnen.
Zunächst hatten wir kaum Kenntnis davon genommen, dass sie ab und zu der Schule ferngeblieben war. Dann aber war der Ausbruch ihrer zerstörerischen Krankheit nicht mehr zu verbergen gewesen. Eine kleine Geschwulst an ihrem Daumen hatte sich zu einem bösartigen Krebsgeschwür entwickelt. Bald war der ganzen Körper vergiftet.
Für mich war es die früheste Begegnung mit dem Tod. Ich erinnere mich an das verdunkelte Zimmer, das ich zusammen mit zwei Mitschülern betrat, als wir sie besuchten. Sie lag bleich und still in ihren Kissen. Neugierig fragte sie nach dem, was an der Schule vor sich ging. Ihre Hoffnung, bald wieder dabei zu sein, war ungebrochen. Unsere Verlegenheit, irgendetwas Sinnvolles zu sagen, war unendlich groß.
Nur wenige Wochen später erreichte uns dann die Nachricht von ihrem Tod. Platzte hinein in die Aufbruchsstimmung am Ende der Schulzeit. Das Leben trat ja gerade an neue, unbekannte Ufer. Aber die Nachricht von ihrem Tod stellte alles in Frage und warf einen Schatten auch über unser Leben.
Bei ihrer Beerdigung fehlte niemand von den Mitschülern und Lehrern. Viele von uns sangen damals im Schulchor oder spielten im Schulorchester. Das Lied, das wir sangen, wenngleich von unendlichem Trost erfüllt, wollten uns in der Kehle stecken bleiben. Es war der Schlusschoral aus der Johannespassion von Johann Sebastian Bach:

Einspielung: Choral
Wenn ich jemals den Trost der Musik gespürt habe, dann jetzt. In dieser Melodie, die solche Worte einer unzerstörbaren Geborgenheitsgewissheit trug. Nein, eine vernünftige Antwort gab es nicht, warum ein so junger, hoffnungsvoller Mensch von dieser bösartigen Krankheit dahingerafft wurde. Jedes Wort, jede Ermunterung, jeder Trost hätte hier falsch geklungen. Nicht aber diese Musik.
Es war so, als reiche sie uns eine Medizin, die unsere traurigen Herzen besänftigte. Als verfüge sie über die Sprache, die uns der Abschiedsschmerz genommen hatte. Wovon man nicht reden kann, dachte ich, muss man vielleicht doch nicht zwangsläufig schweigen. Denn es gibt ja das Reich der Töne und Melodien, die wie eine sanfte Botschaft aus einer anderen Welt zu uns dringt. Und unseren Schmerz darin aufhebt. Nein, ihn nicht verschwinden lässt. Aber an einen Ort trägt, wo er sein darf, verstanden ist und auf tröstliche Weise nach Hause kommt.

Wie tröstende Engel, Schlusschoral aus der Johannespassion

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