Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Choral im Widerspruch?

Musik

Ich bete an die Macht der Liebe (Eckstein/Johannsen)

und  

Gebet aus dem Großen Zapfenstreich


"Ich bete an die Macht der Liebe". Kann ein Choral gegensätzlicher klingen als dieser, in diesen beiden Fassungen?
Eine sanft und innerlich, die alles fühlen lässt, nur nicht Gewalt. Und dann die „Macht der Liebe" eingebettet in das militärische Ritual des Großen Zapfenstreichs. Als das so genannte „Gebet."

Ist das noch dasselbe Lied, das einmal Liebe zart besingt, und sich das andere Mal entlädt in Musik, die mich an Schüsse denken lässt. Als ob nicht die „Macht der Liebe", sondern die „Liebe zur Macht" angebetet würde.
Ist das noch Liebe, „die sich in Jesus offenbart?" Sie hat der Dichter Gerhard Tersteegen ja besingen wollen.

Vor Jahren habe ich diesen Widerspruch noch als unerträglich empfunden. Dabei mag ich den Choral, auch die Melodie von Dmitry Bortniansky. Würde sie gern von Herzen singen. Aber naiv, quasi „unschuldig", kann ich das nicht, der militärische Zapfenstreich klingt immer mit.

Aber vielleicht bekommt dieser Widerspruch ja Sinn? Wenn man versteht, wie es gekommen ist, dass Tersteegens Choral so verschieden klingen kann:

Zart, herzlich und in der militärischen Inszenierung, mit der unser Staat seine „höchsten Diener" ehrt.

Beide Fassungen sind sehr emotional. Und stimmen damit zum Text. Tersteegen war Mystiker: Er hat Gott gesucht auf dem Weg nach innen, über das Herz. „Ich will anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken," heißt es in der ersten Strophe. Aber er geht weiter. „Herzensfrömmigkeit" soll sich ausbilden, ins ganze Leben. Der Choral schlägt einen weiten Bogen, wenn er in der letzten Strophe endet:

Musik 3:

Möcht deine süße Jesusliebe
in Herz und Sinn gepräget sein!
Im Wort, im Werk und allem Wesen
sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Tersteegens Text - 1757 gedichtet - wurde bald bekannt in ganz Preußen. Aber richtig erfolgreich wurde das Lied erst 60 Jahre später: Friedrich Wilhelm III. von Preußen liebte die Musik von Dmitry Bortniansky, Musiker am Hof des russischen Zaren. Er hatte ein Lied komponiert, das zur heimlichen Hymne Russlands geworden war. Und auf diese Melodie hat man ab 1824 den Choral „Ich bete an" auch in Preußen gesungen. Und wenige Jahre später hat der Preußenkönig ihn in den Großen Zapfenstreich einfügen lassen:

Christliche Liebe möge sich ausbilden: Bis hinauf zum ersten Diener des Staates, der in Preußen zugleich erster Christ war. Gottesliebe und Liebe zum Vaterland: ‚Wir haben den Menschen zu dienen, sogar mit dem Leben als Soldat". Daran erinnert der Choral im Zapfenstreich. Heute scheint diese Vermischung problematisch.

Andererseits: Erinnert ein Gebet staatliche Macht nicht auch daran, dass sie nicht absolut ist, sondern nur geliehen? Und dass Macht ohne Liebe korrupt wird?

Musik 4:

„Ich bete an die Macht der Liebe." Ich will mir diesen Choral nicht nehmen lassen: Seine mystische Sprache ist mir etwas. Aber ich kann sie übersetzen. Und dann ermutigt sie mich, zu glauben, dass Gott ganz nah ist und zugleich öffentlich Christ zu sein.

Und ich finde es gut, wenn demokratische Politiker sich erinnern lassen, dass sie ihre Macht verantworten müssen, zuletzt vor Gott. Und wäre es nicht ein Segen, wenn Politiker die Menschen lieben und wert schätzen, für die sie Politik machen?

 

Musiken:

„Ich bete an die Macht der Liebe"
Stück 6 aus CD 3  „Aus meines Herzens Grunde"
und
„Gebet"  aus „der Große Zapfenstreich"
Stück 17 aus CD „Deutsche Heeresmärsche aus
der sächsischen Armeemarschsammlung"

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