Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt,
hast mich geheilt und mit Freude umgürtet.
Dir singt mein Herz und will nicht verstummen.
Dir will ich singen in Ewigkeit.
Ich will dich rühmen, Herr,
denn du hast mich aus der Tiefe gezogen
und lässt meine Feinde nicht über mich triumphieren.
Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien
und du hast mich geheilt.
Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes. 

Das ist ein junges Lied, das ist gleich zu hören. Der Komponist Johannes Falk, Kirchenmusiker in Freiburg, hat es vor knapp 20 Jahren vertont. Doch es ist auch ein altes - sogar ein uraltes Lied: Der Text ist vor rund 2500 Jahren entstanden; er stammt aus dem 30. und dem 138. Psalm.

„Ich will dich rühmen, Herr", sagtder unbekannte Psalm-Dichter. Er hat sich vorgenommen, Gott zu loben, weil dieser ihn gerettet hat. In was für eine Not er geraten war, sagt er nicht. Aber sie war abgründig: Hinter seinen Worten „du hast mich aus der Tiefe gezogen" sehe ich einen Schöpfeimer vor mir, der aus einem engen Brunnen heraufgezogen wird. Dieser Mensch war ganz unten, und das Loben war ihm gründlich vergangen. Er konnte nur noch schreien; aber dieser Schrei ist offenbar angekommen: „Du hast mich geheilt. Du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes." Er fühlt er sich wie neugeboren, spürt einen neuen Schwung und findet neue Töne: „Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt." 

Seine Freude will die anderen anstecken; im 2. Vers des Liedes heißt es:  

„Singt und spielt dem Herrn, ihr seine Frommen,
preist seinen heiligen Namen!
Wenn man am Abend auch weint,
am Morgen herrscht wieder Jubel." 

Über Nacht ist alles anders geworden. Am Morgen sind die Tränen vom Vorabend vergessen und vorbei. Aber woher weiß der Beter denn, ob die Tränen nicht wiederkommen? Will er wirklich den Tag vor dem Abend loben? Was ist, wenn neue Nöte kommen? Sie könnten ihm das Wort im Mund umdrehen oder sogar die Sprache verschlagen, und das Lied würde plötzlich ganz anders klingen: „Du hast mein Tanzen in Klagen verwandelt. Ich verstumme und kann nicht mehr singen." 

Der Dichter des Psalms hat mit einem Schrei seiner Seele Luft gemacht. Und er hat erlebt: Mein Rufen geht nicht ins Leere. Geteiltes Leid, mitgeteiltes Leid ist halbes Leid. Gott schenkt ihm sein Ohr. Mehr noch: Er erhört ihn und gibt ihm Kraft. 

Denn du hast die Worte meines Mundes gehört,
deinen Namen und dein Wort über alles verherrlicht.
Du hast mich erhört an dem Tag, als ich rief;
du gabst meiner Seele große Kraft. 

Der Psalmensänger lädt mich ein, mit ihm zu singen und meine eigene Erfahrung - oder meine Sehnsucht - in sein Lied hineinzulegen: Tränen und Jubel, Tanzen und Klage, Not und Rettung - mit dem Dichter und Beter hoffe ich, dass dieses Auf und Ab nicht immer so weitergeht, sondern dass mich eine Freude erwartet, die nicht mehr aufhören wird: (MUSIK beginnt leise, crescendo) „Dir will ich singen in Ewigkeit.

Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt,
hast mich geheilt und mit Freude umgürtet.
Dir singt mein Herz und will nicht verstummen.
Dir will ich singen in Ewigkeit.


CD zum Freiburger Chorbuch 2
Carus-Verlag CV 02.035/99
[9] Johannes Falk: Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt
Rastatter Hofkapelle; Dirigent: Jürgen Ochs
ISRC: DE B11-12-025-09

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