Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 Wie kann man so jubeln?
Gloria sei dir gesungen
Mit Menschen- und mit Engelzungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore
an deiner Stadt, wir stehn im Chore
der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt
Kein Ohr hat je gehört solche Freude.
Des jauchzen wir
und singen dir
Das Halleluja für und für.

(Marion Eckstein- Gesang; Kay Johannsen - Orgel)
(Textfassung seit 1832)

Wie kann ein Mensch so dichten? Singend verlässt er Raum und Zeit, auf einmal steht er wie ein Engel vor Gott im Chor mit vielen andern und singt berührende Worte mit der schönsten Melodie, die er komponiert hat. Ich frage mich ganz ernstlich: Wie hat Philipp Nicolai so singen und dichten können: „Kein Ohr hat je gehört solche Freude."
Denn was er gerade erlebt hat, war ganz anders. 1598. Philipp Nicolai ist 42, Pfarrer in Unna in Westfalen. Die Pest ist über seine Stadt hereingebrochen. In einem Jahr sind über 1400 Mitbürger gestorben. Von zu Hause in Nordhessen haben ihn Briefe erreicht, dass Schwestern und Freunde gestorben sind. Lauter Erfahrungen, die einen Überlebenden traumatisieren könnten.
Ich könnte gut verstehen, wenn man da verstummt. Vielen Menschen geht es so, wenn sie ähnliches erleben. Andere verzweifeln, finden aber Worte oder Bilder: Wie Hiob in der Bibel. Dann wendet sich Leid in Anklage, auch gegen Gott. Oder ein Maler wie Otto Dix. Er hat das Trauma des Ersten Weltkriegs in schreiende Bilder gemalt. Viele kämpfen sich durch ihre Erfahrungen auch in Träumen.
Philipp Nicolai ist weiter gegangen, er hat Trost gesucht gegen das Trauma. Vielleicht kann man sein Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme", von dem wir die dritte Strophe gehört haben, verstehen als Tagtraum in die Zukunft. Zum Trost gegen das Trauma der Pest.
Die Bilder für sein Lied findet er in der Bibel. Vor allem in der Offenbarung des Johannes. Sie ist auch ein Trosttraum in trostloser Zeit: Johannes sieht die Stadt der Zukunft auf die Erde kommen. Mit 12 Toren, in ihr wird man leben können ohne Gewalt und Leid. Weil Gott in ihr mitwohnt. Es wird endlich gut, was Menschen je traumatisiert hat.
Philipp Nicolai macht mit seinem Lied etwas möglich, was wohl nur Menschen können: Wir können der Gegenwart, die einen scheinbar einmauert, etwas entgegensetzen: wir können uns öffnen für eine andere Zukunft. Uns ist die Gabe gegeben, über das Hier und Jetzt hinaus zu hoffen.
Und der christliche Glaube ist in diesem Sinn ganz besonders auf Zukunft ausgerichtet. Weil er damit rechnet, dass Gott kommt mit ganz neuen Möglichkeiten.
Und wenn man Worte wie die von Philipp Nicolai nicht glauben kann? Weil seine Bilder den Verstand übersteigen. Oder weil der Verstand nicht zulässt, hinüberzuschauen in eine Zukunft sogar eine jenseits von Raum und Zeit?
Wenn ich diese Worte nicht glauben kann, dann kann doch diese Musik trösten, hier und heute. Für mich ist sie ein Vorgeschmack, dass alles gut wird. Auch wenn Gottes Nähe am Ende womöglich ganz anders aussehen mag, als Worte sagen können.

Gloria sei dir gesungen
Mit Menschen- und englischen Zungen,
Mit Harfen und mit Zimbeln schon.
Von zwölf Perlen sind die Pforten,
An deiner Stadt; wir sind Konsorten

Der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt,
Kein Ohr hat je gehört

Solche Freude.
Des sind wir froh,
Io, io!
Ewig in dulci jubilo

(Bach-Collegium Stuttgart; Gächinger Kantorei; Ltg Helmuth Rilling)
(Originaltext von Philipp Nicolai von 1599)

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