Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Herr Prof. Rothenbusch, sie sind ja Bibelwissenschaftler. Was meint die Bibel eigentlich, wenn sie von „heilig“ spricht?

 Ich denke man muss zuerst sagen, dass in der Bibel vor allem Gott heilig ist und es gibt kein anderes Wesen, dass so wie Gott heilig ist. Alle Heiligkeit, von der die Bibel spricht – sie spricht auch von der Heiligkeit von Menschen, von Sachen, von Orten. Das ist aber nie unabhängig oder losgelöst von Gott, sondern es steht immer in einer Beziehung zu diesem Urgrund der Heiligkeit z.B. das Jesajabuch hat eine ganz charakteristische Bezeichnung für Gott: Da ist er der Heilige Israels. und da ist auch ein Text, den man da vielleicht mal nennen kann, die Thronvision Jesajas im Jerusalemer Tempel. Er sieht oder er erfährt den Gott Israels, den Heiligen Israels über dem Zion auf einem hohen und erhabenen Thron und erfährt ihn eben in dieser Heiligkeit und ich meine, dass gerade dieser Text das Anliegen hat, diese Unnahbarkeit und diese alle menschlichen Dimensionen sprengende Heiligkeit Gottes, vor Augen zu stellen. Ich meine, das hat auch etwas mit der Unverfügbarkeit Gottes zu tun. Er ist nicht einfach instrumentalisierbar, wie können ihn nicht einfach in unsere Welt hineinholen und verwenden für dieses oder jenes, was eben immer wieder getan wurde und noch getan wird.

So wie sie das beschreiben ist Heilig sein, Heiligkeit also auch ein der Welt enthoben sein.

Ja, ich denke, dass ist ein wichtiger Aspekt und es hat auch etwas mit Abgrenzung zu tun. Nicht jeder darf in die Heilige Präsenz der Gottheit eintreten, sondern es sind bestimmte Menschen, die sich auch darauf vorbereiten müssen. Aber, das ist nur eine Seite. Es gibt eben auch im Jesajabuch die Aussage, dass Gott zwar als Heiliger im Himmel thront, aber eben nicht dort bleibt, sondern auch bei den Zerschlagenen und Bedrückten ist, um sie wieder aufzurichten. Also das ist an dieser Stelle ganz unmittelbar miteinander verbunden. Er ist der Heilige im Himmel aber er wendet sich den Menschen auch zu. Von daher hat das eben auch unmittelbar etwas mit dem Leben der Menschen, mit unserem Leben zu tun.

Aber wenn jetzt Heiligsein eine Art Wesensbeschreibung Gottes ist, wie können wir dann von Heiligen reden, wenn wir Menschen meinen?

Die Bibel spricht, also zunächst jetzt das Alte Testament, gar nicht sehr viel von ganz konkreten heiligen Menschen. Was eine große Rolle spielt ist das Heilige Volk. Es ist das Volk Gottes und da kommt es entscheidend darauf an, dass Gott dieses Volk befreit hat, das er es gerettet hat und es damit gewissermaßen zu seinem Eigentumsvolk gemacht hat. Und dieser Gedanke des Heiligen Volkes, der zieht sich eigentlich durch die Überlieferung der Bibel und das ist dann zum Beispiel im NT die Grundlage dafür, dass von den Christen einfach als von den Heiligen gesprochen wird.

Dann meint dieses Wort Heiliger, oder zum Heiligen Volk zugehörig also, dass dieser konkrete Mensch in einer gewissen Weise Anteil hat an der Heiligkeit Gottes?

So würde ich das sagen und das sagt die biblische Überlieferung auch ganz deutlich. Also es gibt in der Tora ein sogenanntes Heiligkeitsgesetz.: Seid heilig, denn ich bin heilig. Also das Leben der Menschen soll der Heiligkeit Gottes angemessen sein und das heißt dann aber eben auch, die Gebote zu erfüllen. Da geht es aber primär nicht nur um kultische Gebote, sondern genauso um ethische Gebote.

Wie wird man, oder wie wird ein Mensch dann zum Heiligen?

Ich glaube, dass es ganz unterschiedliche Formen gibt, wo der Mensch seinen Platz gefunden hat, welchen Beruf er erfüllt, in welcher Familiensituation er steht. Welchen Aufgaben und Nöten anderer er begegnet, aber ich denke, es hat immer etwas zu tun auch, sich für andere einzusetzen, also das Liebesgebot zu erfüllen, das in zwei Richtungen geht: Zu Gott, aber auch zu den Mitmenschen und das ist etwas, das auch mit sozialer Gerechtigkeit, mit Zugewandtheit zum Menschen in Not verbunden ist und nichts, was abgehoben wäre vom alltäglichen Leben und dessen Nöten, denen man begegnet.

Heiligkeit oder heilige Personen, sind die aufs Christentum beschränkt? Kennen wir das auch im Judentum, kennen wir das im Islam?

Das Judentum kennt das. Schon zur Zeit Jesu wurden Prophetengräber verehrt. Die Propheten wurden natürlich immer in einer besonderen Beziehung zu Gott gesehen. Aber auch im Islam gibt es Heiligengräber, auch dort ist man mit der Terminologie etwas zurückhaltend, aber das sind hoch verehrte Gräber und heilige Orte, an denen man dieser heiligen Menschen gedenkt. Also das ist etwas, das wir teilen und das uns verbindet auch mit anderen Religionen.

Nun feiern wir heute ja das Fest Allerheiligen. Was verbirgt sich dahinter?

Alle Heiligen sind im Blick und ich denke, das schließt nochmal sehr an, an dieses heilige Volk und die Heiligen, die dieses Volk bilden. Also es sind nicht nur die Menschen, die jetzt auf der Erde leben, sondern alle in Geschichte und Zukunft gehören dazu. Aber ich glaube, gerade an Allerheiligen kommen wir auch ins Spiel, weil es um diese Berufung zur Heiligkeit für alle, die von Gott angesprochen sind geht und das ist eigentlich etwas, das dann weit über die Verehrung einzelner Heiligen hinausgeht.

Das heißt, wenn ich sie recht verstehe, dann feiern wir an Allerheiligen nicht nur die Personen, die ganz offiziell von der Kirche kanonisiert sind, sondern der Blick geht wesentlich weiter?

Vielleicht kann man sagen, dass die Heiligen, die kanonisiert waren, natürlich auch immer eine besondere Bedeutung in ihrer Zeit hatten. Wenn ich an einen Heiligen Franziskus denke. Man hat ihn ja im Mittelalter als einen anderen Christus, als Franziskus alter Christus bezeichnet und ich denke gerad bei einer Person wie Franziskus können wir das noch nach Jahrhunderten erleben, wie sehr eine solche Persönlichkeit in seinem Leben in seinem Zeugnis berührt. Aber darüber hinaus gibt es viele, die in dieser Gemeinschaft mit Gott leben, die wir dann als Heiligkeit bezeichnen.

Das ist ein interessanter Aspekt finde ich. Man könnte ja die Vorstellung verfolgen, jemand nimmt sich vor, heilig zu werden, Aber wenn ich sie recht verstanden habe, dann setzt das ja immer auch ein Wirken Gottes voraus. Also es ist nicht nur Leistung des Menschen, es ist auch Wirken Gottes, ist das richtig?

Ich denke, alles, was mit Heiligkeit zu tun hat, geht letztlich zunächst von Gott aus. Es bedarf aber eben dann der Öffnung des Menschen und der Mitwirkung des Menschen und das sieht die Bibel, aber auch die Tradition eben durchaus auch in dem Sinn, dass das dann auch eine Befolgung der Gebote ist. Da geht es um das Liebesgebot, um die Zuwendung den Familienangehörigen gegenüber, die Solidarität, und das sind Dinge, die dann zentral zur Verwirklichung dieser Beziehung dazugehören.

Nun, am Fest Allerheiligen stellt sich ja immer die Frage: Was können Heilige für uns Menschen heute bedeuten?

Zum Beispiel Abraham wird als Freund Gottes bezeichnet und ich finde es eigentlich eine wunderbare Sache, dass man Freunde Gottes ein Stück weit vor Augen gestellt bekommt, weil sie in ihrem Leben Entscheidungen getroffen und die umgesetzt haben, die sie näher zu Gott hingebracht haben und mir helfen können, auf diesem Weg mitzugehen. So würde ich es vielleicht sagen.

Als eine Art Vorbild, dem ich folgen kann?

Ja, ich denk schon, dass das Vorbilder sind. Aber es ist eben auch diese Gemeinschaft. Heilig sein ist nichts für einen religiösen Hochleistungssportler, der ein Solitär wäre und für sich ein Ziel erreicht. Heiligkeit gibt es immer nur in der Gemeinschaft. Es ist das heilige Volk, die Gemeinschaft der Heiligen. Da gibt es eben besondere, besonders bedeutende Persönlichkeiten, die andere ein Stück weit auch mitnehmen. Und ich glaube, dass wird jeder in seinem sozialen Umfeld erfahren, wie wichtig es ist, dass es solche Menschen gibt in meinem Umfeld.

Das ist ein schönes Stichwort. Könnte ich an diesem Fest heute, an Allerheiligen, also zum Beispiel auch meine Großmutter, meinen Onkel, die für mich Vorbilder im Leben und im Glauben waren …

… Ja, ich würde das unbedingt bejahen. Also ich glaube: Wir sind alle zur Heiligkeit gerufen und in vielfacher Weise haben Menschen auch in unserm unmittelbaren Umfeld, die für uns wichtig sind, auf diesen Ruf geantwortet und können in ganz legitimer Weise jenseits jeder kirchlichen Heiligsprechung für uns Heilige sein.

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