Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Herzlichen Dank, Frau Beilschmidt, dass sie sich Zeit nehmen für unser Gespräch, heute am Pfingstmontag. Pfingsten gehört neben Ostern und Weihnachten zu den höchsten christlichen Feiertagen, deshalb wird es zwei Tage lang gefeiert und alle in unserem Land haben heute einen zusätzlichen freien Tag. Frau Beilschmidt, was verbinden sie persönlich mit Pfingsten? 

Pfingsten ist ja nicht gerade ein einfacher Feiertag und auch mir erschließt er sich nicht sofort. Aber das ist auch irgendwie schade; denn eigentlich ist es ja ein sehr wichtiger Feiertag. An Pfingsten ist die Herabsendung des Heiligen Geistes. Das ist die befreiende Kraft, die auf uns herabgelassen wird, und gleichzeitig werden Differenzen überschritten. Also es gibt an Pfingsten sozusagen, inmitten dieses Stimmengewirrs eine Einheit in der Vielfalt, und da werden aber die Unterschiede nicht gleich gemacht, sondern eben diese Vielfalt gefeiert und das ist das, was ich eben auch mit Pfingsten verbinde. 

Also, so wird es ja in der Apostelgeschichte erzählt, im 2. Kapitel, dass die Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Sprachen, dass die sich auf einmal verstehen. Aber sie meinen,  die behalten die Sprachen und es findet trotzdem eine Verständigung statt.  

Ja genau, nicht eine Gleichmachung, was man oft , wenn man das jetzt sofort  auf die politische Ebene stellt, was ja oft so verstanden wird unter Assimilation, das Verschiedenheit eben eingeebnet wird,  sondern dass ein Verständnis stattfindet trotz der Unterschiede oder vielleicht auch gerade eben wegen der Unterschiede. Dass wir diese Vielfalt eben auch feiern.

Ich würde gern noch ein bisschen persönlich bei ihnen nachfragen:  Wenn sie das Wort Geist hören, Heiliger Geist, Gottes Geist, woran denken sie dann? 

Ja, es ist im Grunde auch wieder wie Pfingsten, nicht so einfach. Heiliger Geist, das ist so ein Mysterium, man weiß nicht so richtig,  was das  ist. Man sagt ja auch: Der Heilige Geist ist einfach da oder eben nicht da. Ich verstehe das so, der Heilige Geist, wenn man auch sagt da ist jemand beseelt, ja es ist eine Kraft die uns gegeben wird, die uns eben auch stärkt und tröstet, uns aber auch Mut macht, Neues anzugehen, Veränderungen anzustoßen. 

Und haben sie diese Kraft schon mal erlebt? Es ist ja immer interessant, wenn man diese großen Themen Geist und Geist-Sendung, wenn man die persönlich an sich bindet und überlegt ja, hab' ich da selber schon eine Erfahrung damit gemacht. Also kennen sie Anhaltspunkte oder sind sie da eher skeptisch? 

Jetzt leider so im System Kirche muss ich sagen, dass ich finde, dass der Heilige Geist ja wenig deutlich wird oder nur ganz selten und wenn, dann natürlich, dann durch Menschen und zwar durch Menschen mit Charisma. Und da ist eben so, dass ich denke, das sind Menschen die beseelt sind, vielleicht auch vom heiligen Geist, die sich von dieser Kraft leiten lassen, die diese Kraft spüren und die sich ermutigen lassen, auch neue Wege zu gehen. Und auch Abseits vielleicht von dem, was von ihnen erwartet wird. 

Dem Geist Gottes werden ja - in der Tradition der Kirche der Kirche hat sich das so entwickelt -  7 Geistesgaben zugeschrieben. Im griechischen heißen sie Charismen und wenn wir da jetzt den Anknüpfungspunkt an uns Menschen suchen, dann wäre das ja, also wo Menschen auftauchen die auch so ein Charisma haben, so eine besondere Begabung. Frau Beilschmidt, Sie arbeiten als Referentin bei der Akademie des Bistums Hildesheim, in Goslar und dort sind ihre Schwerpunktbereiche gesellschaftliche Vielfalt und der interreligiöse Dialog. Mit welchen Themen, konkret, beschäftigen Sie sich denn? 

Ich bin der Auffassung, dass Kirche und dann eben auch ganz konkret eine katholische Akademie gesellschaftliche Veränderungen begleitet und eben aber auch gestalten soll. Und ein Thema, mit dem ich mich viel beschäftige, ist eben auch der christlich islamische Dialog. Und da haben wir vor ein paar Jahren zusammen mit den Universitäten Hildesheim, Osnabrück und dem Bistum Hildesheim Studientage initiiert. Da kommen junge Menschen, junge Studierende der Theologie zusammen, für ein paar Tage. Und wir haben ganz bewusst uns entschieden, dass wir viel Raum für Begegnungen eben lassen. 

Und da sind Christen und Muslime beieinander bei dem Studientag oder nur katholische Theologiestudenten? 

Da sind Studierende der katholischen, der evangelischen und der islamischen Theologie. Und es ist einfach so, dass diese Studierenden sagen, dass sie zum ersten Mal auch die Möglichkeit hatten, sich auszutauschen und auch Fragen zu stellen. Und dann eben auch zu merken, dass die Begegnung einfach viel Verständnis ermöglicht. Oft wird ja übereinander geredet, und das ist auch bei den Studierenden eben so, selbst die, die Theologie studieren, die sagen, wir haben nicht die Möglichkeit einander kennenzulernen und Fragen zu stellen, und das ist eben auch das was ich verstehe unter Dialog, das wir einander begegnen. Dass wir nicht nur auf einer Metaebene theoretisieren, sondern dass wir den Menschen sehen und auch sehen wo Gemeinsamkeiten sind. Also nicht schlecht machen, sondern irgendwie auch positiv sehen. 

Wie soll denn sonst Gottes Geist wirken, wenn Menschen nicht miteinander sprechen? Wenn sie sich nicht begegnen? Wenn sie nicht erleben wie der andere denkt und feiert und sein Leben gestaltet? Im Zusammenhang mit Gottes Geist sprechen die biblischen Texte ja eigentlich eine klare Sprache. Da ist von Visionen die Rede, dass die Menschen, die mit Gottes Geist in Berührung kommen, dass die Träume haben, dass dabei etwas in Bewegung kommt und das Neues entsteht. Wir beide haben natürlich Interesse daran, dass Gottes Geist, der an Pfingsten gefeiert wird, dass der auch in der Kirche wirkt. Was erwarten sie von einer Kirche die das für sich in Anspruch nimmt, dass Gottes Geist in ihr wirkt? 

Ich erwarte von einer Kirche, dass sie auch wirklich Raum gibt für den Heiligen Geist. Dass sie Räume öffnet, auf Befreiung setzt, statt auf Enge. Dass sie Menschen ermächtigt, statt nur auf Normen oder auf Regeln zu setzen. Dass sie an den Menschen glaubt und dass sie sich einmischt. Dass sie eine klare moralische Stimme ist in unserer Gesellschaft, die sich äußert. 

Wo soll sie sich einmischen? Wo müsste sie denn klarer moralisch sprechen, die Kirche? 

Politische Debatten, wo es um Ausgrenzung geht, wo Menschen diskreditiert und diskriminiert werden, vielmehr ganz konkret die Debatten in Deutschland, die ja noch immer polemischer wurden. Sind wir eine vielfältige Gesellschaft, sind wir eine offene Gesellschaft oder sind wir eine Gesellschaft, die ausgrenzt und Menschen, die anders sind - aber was ist schon anders - ausgrenzt? Und dass da die Kirche eben sagt: Wir sind auch eine Kirche der Migration. Und das muss man ja auch sagen, die Schriften schon, die Theologie sagt ja, Migration ist unser Fundament, Migration ist Normalität, Vielfalt ist Normalität.  Wir möchten, dass eben das auch Raum hat  und nicht das alles vereinheitlicht wird. Und auch, wir möchten dass der Mensch im Zentrum steht. 

Ich habe noch eine abschließende Frage an sie, Frau Beilschmidt: Was möchten sie den Menschen, die heute unserer Sendung zuhören, heute an Pfingsten mit auf den Weg geben? 

Pfingsten sagt ja auch im Grunde: Spürt die Kraft des Lebens und spürt die Kraft der Befreiung. Und das sollten wir uns, glaube ich, immer wieder vor Augen führen, dass der Heilige Geist uns ermutigt, etwas zu tun und etwas zu verändern. Und auch, dass wir diese Kraft und diese Möglichkeit in uns haben. Also nicht nur, dass wir aufgerufen werden, etwas zu tun. Ihr müsst etwas tun, sondern, nein, wir sind dazu auch befähigt. Und dass wir dieser Stimme im Grunde auch folgen, dass wir diese Kraft des Lebens erspüren und in uns Raum geben und dass wir Veränderungen anstoßen, Veränderungen begleiten, dass wir aufhören still zu stehen.  

Da steckt doch ein gerüttelt Maß an Hoffnung dahinter. Vielen Dank, dass sie sich Zeit genommen haben für unser Gespräch, heute Morgen. Ich geb' die Hoffnung auch nicht auf. Frohe Pfingsten!  

Danke.

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