Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Schwester Dr. Lea Ackermann, Sie leben in Boppard am Mittelrhein zwischen Koblenz und Mainz und Sie sind Ordensfrau bei den Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika, die auch kurz „Weiße Schwestern“ genannt werden. Was feiern Sie heute am Fest Christi Himmelfahrt?

Also ich denke, dass Gott sich doch sehr auf uns einstellt. Wir wissen, dass Jesus nach seinem Tod auferstanden ist und dass er bei Gott ist, also im Himmel. Aber um uns das begreiflicher zu machen hat er das in der Himmelfahrt visualisiert. Und das finde ich auch sehr schön, dass er uns ein Bild gegeben hat:  Wir erheben uns, wenn wir bei Gott sind. Es sind ja nur Bilder, wir können ja den Himmel nicht verorten, aber wir brauchen Bilder, um uns das vorstellen zu können.

Vor seiner Himmelfahrt sagt Jesus zu seinen Jüngern: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“. Sie sind als Missionsschwester in die Welt gegangen, insbesondere nach Afrika und Sie hatten eine ganz bestimmte Mission, nämlich sich für die „chancenlosen Töchter Gottes“, so wie sie es genannt haben, einzusetzen. In Kenia haben Sie dann 1985 die Organisation SOLWODI gegründet. Das Steht für „Solidarity with women in distress“, auf deutsch: „Solidarität mit Frauen in Not.“ Was haben Sie dort in Kenia beobachtet?

Armut und Elend von Frauen und Kindern. In einem Land, gerade Mombasa, das wirklich ein Ferienparadies ist. Und dann kamen die Touristen und haben dann das Elend und die Not von Frauen und Kindern für ihr billiges Vergnügen ausgenutzt. Und das hat mich wütend gemacht. Die Wut war eigentlich immer bei mir ein guter Antrieb, zu sagen: Das muss doch verändert werden. Und dann hab ich mit dem lieben Gott nen Deal gemacht: Ich hab ihm gesagt: „Ich kümmere mich um deine chancenlosen Kinder. Lass du mich bloß nicht hängen!“  Wenn Sie sich nur noch mal die Situation vorstellen: Damals hatten wir Ordensschwestern noch überhaupt kein Taschengeld, überhaupt nichts. Ich hatte nichts und will Frauen helfen, die auch nichts haben. Ich bin dann zu den Frauen dort, wo sie sich mit den Touristen getroffen haben, in diese Kontaktcafes-so eine Art Bordell. […] Und dann hab ich gesagt: Darf ich Sie auf was zum Trinken einladen?  Ich bin für Frauen hier, die Probleme haben. Und dann haben die angefangen zu schimpfen und haben gesagt: Meinen Sie es macht Spaß mit jedem Trottel abzuziehen? Sich Krankheiten zu holen? Mal Geld zu haben, mal keins? Ich wollte den Frauen bewusst machen: Ihr seid Kinder Gottes! Ihr habt Gaben und Fähigkeiten - aber nie hat euch jemand geholfen diese Gaben und Fähigkeiten zu entwickeln. Und das wollte ich tun. Und mir ist mehr und mehr bewusst geworden, dass es nicht so sehr die Worte sind, fromme Worte zu sagen, Lehren zu verkünden, sondern zu tun, von was man überzeugt ist. Und die Afrikaner haben ein sehr schönes Sprichwort, das sagt: Das was du tust, schreit so laut, dass ich das, was du sagst nicht mehr höre.

Religionskritiker werfen jenen, die vom Himmel sprechen ja gerne auch Jenseitsvertröstung vor. Dann wird Religion hingestellt als Opium für das Volk. Dagegen stellen Sie eine andere Spiritualität, die dazu aufruft, das Diesseits zu gestalten…

… das ist eigentlich unsere Aufgabe als Christen: Mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und anzupacken. Die Lehre Jesu, das was er uns vorgelebt hat auch umzusetzen und auch vorleben in unserer Zeit.

Sie fordern immer auch, politisch aktiv zu werden. Insbesondere für Frauenrechte. Und sie kritisieren die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland. Warum?

In einem Land, wo Mann und Frau gleichwertig sind, kann nicht die eine Hälfte die andere kaufen, das geht nicht, das ist gegen die Würde […], gegen die Gleichwertigkeit. Nach unserem Gesetz von 2002, das Prostitution wie einen Beruf wie jeden anderen sieht, war das ein Leichtes für so viele Bordellbetreiber neue Wellnessbordelle zu schaffen. Sehr viele neue Bordelle sind in dieser Zeit entstanden und wir gelten zur Zeit als das „Bordell Europas“.

Sie waren kürzlich auch im Vatikan als Expertin auf einer Konferenz zum Thema Menschenhandel. Und kämpfen da Seite an Seite mit Papst Franziskus. Gleichzeitig nehmen Sie auch klar Stellung zum Missbrauchsskandal in der Kirche. Was hat bei Ihnen die Nachricht ausgelöst, dass auch Ordensschwestern von sexualisierter Gewalt betroffen waren?

Ich finde das ein richtiges Verbrechen […] in der Kirche, das ist unfassbar! Ich will mich mit Frauen treffen und überlegen, wie können wir das zur Sprache bringen, wie können wir da aufstehen dagegen. Also ich bin schon für ein Aufstehen gegenüber Ungerechtigkeit, und nicht Austreten aus der Kirche, sondern aufstehen und für die eigene Sache einstehen und das zur Sprache bringen!

Das Thema sexuelle Gewalt löst in der Gesellschaft, aber auch bei Betroffenen ja oft Sprachlosigkeit aus. Das erleben Sie auch bei den Frauen, die bei Ihnen - bei SOLWODI - Hilfe suchen. Im vergangenen Jahr waren das in Deutschland 2.700 Frauen in 19 Beratungsstellen. Wie befreien Sie diese Frauen, die in Bordellen zur Prostitution gezwungen wurden, aus der Sprachlosigkeit?

Wenn einer Frau das passiert, dann schämt sie sich dafür, als hätte sie es provoziert. Wird ja auch oft so hingestellt. Aber viele Frauen finden sich dann noch mehr entwürdigt sagen zu müssen, dass sie wehrlos dem ausgesetzt waren. Und es dauert sehr lang bis diese Frauen den Mut haben und das Vertrauen haben uns die ganze Wahrheit zu sagen. Manchmal dauert es drei, fünf Jahre. Es kam zu uns auch eine junge Frau, weil sie entführt worden war, weil sie in die Prostitution gezwungen war-die ersten acht Tage lag sie nur im Bett und hat die Decke über sich gezogen. Dann hat sie gemerkt, dass wir wirklich auf ihrer Seite sind, […] dass wir ihr helfen aber es ist nicht leicht. Es sind traumatisierte Frauen und junge Frauen. Also wir versuchen mit jeder einzelnen zu überlegen: Was kann sie lernen, was muss sie tun, was würde sie gern tun. Wir machen auch aufsuchende Arbeit, gehen auch in Bordellstraßen.

Bestürzend ist nach wie vor die Zahl der Deutschen Sextouristen, die in Länder wie Thailand oder nach Osteuropa reisen, um Frauen und Kinder auszubeuten. Man schätzt sie auf 400.000 Personen pro Jahr. Bräuchte es mehr gesellschaftliche Ächtung?

Ja, ganz sicher! Da wünsche ich mir, dass mehr an Bewusstsein und Nachdenken geschieht. Wie oft sagen Leute wenn ich so einen Vortrag halte oder so: „Ach, haben wir gar nicht so gewusst, haben wir gar nicht so drüber nachgedacht.“ Und das wäre schön, wenn dieses Nachdenken einsetzen würde.

Eine letzte Frage Schwester Lea: Am Festtag Christi Himmelfahrt, da hören wir im Evangelium: Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Mit dieser Zusage lässt Jesus Christus seine Jünger zurück. An welchen Tagen haben Sie diese Zusage Jesu gespürt?

Es gibt und gab Zeiten, wo ich sehr große Angst auch hatte. Und wo ich dann plötzlich das Gefühl hatte: Nein, ich bin nicht allein. Oder wo mir plötzlich eine gute Idee gekommen ist. Auch in Zeiten, wo ich einsam bin. Da tröstet mich ganz stark der Gedanke: Nein, ich bin nicht allein. Und ich will ihnen noch was sagen: ich freu mich auch auf den Himmel. Ich stelle mir das einfach schön vor. Ich hab es mir nicht ausgemalt, aber manches Mal denke ich: Vielleicht die alten Freunde oder lieben Menschen oder Eltern, noch mal die Gegenwart zu spüren.

…Hofft Lea Ackermann auf den Himmel, auf ein Leben bei Gott?

Ohja, da zähl ich schon drauf. Ich bin fest davon überzeugt, bei uns ist auch nicht alles vorbei. Und ich denke mir: ich lass mich überraschen.

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