Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wolf- Dieter Steinmann im Gespräch mit Kirchenmusikdirektor Professor Johannes Michel aus Mannheim

Steinmann:
Herr Michel, Sie sind Kantor an der Christuskirche in Mannheim, der Evangelischen Hauptkirche in Mannheim. Leiter des Bachchores. Begeisterter Organist. Sie komponieren selbst geistliche Werke. Angetan hat Ihnen es auch, auf der Orgel Kirchenmusik und Jazz zusammen zu bringen.Pfingsten ist ja kein leicht zu „greifendes“ Fest. Ganz anders als Weihnachten zB: Da hat man was konkretes. Aber begeben wir uns mal auf „Spurensuche“. Welche Musik verbinden Sie mit Pfingsten?  Gibt es eine, die Sie an Pfingsten besonders gern musizieren?

Michel:
Also wir musizieren an jedem Pfingsten eine Bachkantate. Das ist natürlich ne herrliche Gelegenheit, eine groß besetzte und festliche Musik zu hören und dabei den Heiligen Geist zu spüren, der an diesem Tag - ich sag mal völkstümlich - gefeiert wird. Aber ich verbinde mit Pfingsten ganz besonders die alten Chöräle aus der Reformationszeit und aus der Barockzeit, die eine oft sehr  blumige und heute etwas fremde Sprache mit sich führen, von vielen Theologen heute nicht mehr so geschätzt werden, weil sie natürlich bei vielen Leuten auf Unverständnis stoßen. Aber ich kann nachher gern zeigen, dass das die richtige Methode ist, um sich dem Phänomen Heiliger Geist zu nähern.

Steinmann:
Ah da bin ich gespannt. Gibt es denn eine Passage, die musikalisch oder textlich, den Heiligen Geist besonders spürbar macht?

Michel:
Da gibt es ein Werk, die Bachkantate „O ewiges Feuer, du Ursprung der Liebe“. Deren Schlusssatz „Friede über Israel“ zu den Stücken gehört, bei denen ich - trotz 30jähriger Profitätigkeit - die Tränen in den Augen kaum zurückhalten kann, wenn ich es dirigiere.

Steinmann
Dann müssen wir das mal hören.

Musik Coro „Friede über Israel“ track 5 aus CD Bach cantates Vol. 48 BWV 34 „O ewiges Feuer, Du Ursprung der Liebe“
BIS RECORDS SACD 1881 Bach Collegium Japan Maasaki Suzuki    

Steinmann:
Was ist es? Was Ihnen besonders Tränen in die Augen treibt? Ist es mehr das Musikalische oder auch der Text. Spielt der auch eine Rolle?

Michel:
Das kann ich Ihnen nicht erklären. Und das finde ich das Interessante, dass hier Musik und Heiliger Geist so ein paar Parallelen haben, die frappierend sind. Den Heiligen Geist kann man nicht malen, man kann ihn auch nicht so ganz erklären, man kann ihn nicht fassen. Das stört uns Protestanten natürlich oft, dass man es nicht so richtig gut erklären kann.Und das ist doch ganz ähnlich mit der Musik. Es gibt unendlich viele Bücher über Musik, aber erklären, was Musik ist, kann keiner, man kann sie nicht sehen, man kann sie trotz aller Bemühungen über Jahrhunderte eigentlich nicht in Worte fassen.
Hier bei diesem Schlusschor aus der Bachkantate kommt natürlich dieses „Friede über Israel“ noch als starkes Textmoment dazu, wo ich einerseits an das Land Israel und das jüdische Volk denke, aber auch ‘Israel’ als Synonym für die ganze Welt verstehe. Und dass dieser Wunsch nach Friede - mit dieser großartigen Kadenz, die da am Anfang steht - mit diesem Pathos, den diese Musik hat, diesem positiven Pathos, finde ich besonders anrührend.

Steinmann:
Ich habe das Gefühl, dass wir es dieses Jahr und für die nächsten Jahre angesichts dessen, was gerade so passiert, politisch, besonders brauchen können, die starke Einschärfung des Friedens.

Michel:
Ja. Ich will da mal ein Beispiel geben, wie die alten Liederdichter, den Heiligen Geist versuchen zu beschreiben. Und das ist natürlich für unsere heutigen Ohren oft sonderbar. Da heißt es: „Eine geistlich Salb, an uns gewandt; zünd uns ein Licht an im Verstand, gib uns ins Herz der Lieb Inbrunst, des Feindes List treib von uns fern.“ Das war jetzt im ausgehenden Mittelalter. Oder wenn Sie in die Barockzeit gehen, da wird es noch viel blumiger. „Tröster der Betrübten, Siegel der Geliebten, Geist voll Rat und Tat, lass die Zungen brennen.“
Das sind alles wunderbare Bilder, sprachlich mit einer enormen Kraft, die Gefühle beschreiben und Zustände, mit denen der Heilige Geist gefühlt werden kann. Und die Musik ist dazu, glaube ich, das richtige Medium, weil hier unaussprechliche Dinge am Werke sind, die wir fühlen oder spüren können.

Steinmann:
Die Pfingstgeschichte in der Bibel erzählt, dass die Jünger*innen Jesu den Glauben wiederfinden an Pfingsten, den sie durch die Kreuzigung ein Stück weit auch verloren hatten. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie selbst oder auch bei Sänger*innen beim Singen vielleicht auch so etwas ähnliches erleben: Der Glaube kommt näher, den man beim Sagen vielleicht gar nicht so aussprechen könnte.

Michel:
Das ist in der Tat so. Allerdings den Begriff ‘der Glaube kommt mir näher’ darf man sich nicht zu gegenständlich oder zu festgelegt vorstellen. Ich meine, das sind Dinge, die spielen sich in jedem Menschen in einer anderen Intensität ab. Das können starke oder schwache Intensitäten sein und nicht jeder hat ein Bekehrungserlebnis, weil er am Morgen einen Bachchoral gesungen hat.
Es sind eigentlich die feineren Dinge: Die einen Menschen bewegen, die einen Menschen seelisch heilen, die ihm Mut geben und Kraft für den Tag, für die Woche, für sein Leben. Und die ihm dann auch zeigen, dass es noch etwas anderes gibt, als das was wir auf dieser Welt sehen, hören, fühlen oder schmecken können. Und da ist die Musik, glaube ich, ganz besonders im Vorteil, das zu zeigen.

Steinmann:
Herr Michel; Sie komponieren selbst, geistliche Musik. Sie sind, kann man sagen, nach theologischem Verständnis auf den Spuren des Schöpfers unterwegs. Ein schöpferischer geistiger Prozess ist das Komponieren ja allemal. Kennn Sie so etwas beim Komponieren, dass Sie auf einmal spüren, dass der schöpferische Geist von außen gewissermassen zu ihnen kommt?

Michel:
Also ich verstehe Musik auch als Teil der Schöpfung Gottes und auch Werke, die keinen geistlichen Text haben, können für mich einen ganz starken schöpfungstheologischen Aspekt haben. Als erstes fallen mir Beethovensymphonien ein. Da kann man den „lieben Gott“ auch entdecken. Bruckner hat zum Teil seine Werke dem lieben Gott gewidmet. Ich selber habe, wenn ich etwas Neues komponiere - ich denke jetzt mal an eine größere Arbeit - ne lange Phase des Suchens und des Abtastens, des Sortierens von Gedanken. Ich lese dann auch oft viel über den Gegenstand: Wenn es ein theologischer Text ist, ein biblischer Text ist, dann lese ich theologische Interpretationen und dann irgendwann formiert sich in mir ein Bild, da kommen auch sehr schnell musikalische Formvorstellungen, musikalische Themen zusammen und dann geht es eigentlich immer recht schnell, wenn man mal den Anfang zu schreiben gefunden hat. Wenn man dann am Schluss eine Partitur von 30 Minuten für Chor und großes Orchester vollendet hat, dann wächst die über einen selbst hinaus. Denn so eine recht große Arbeit, wo man dann auch selbst bei der Aufführung das Gefühl hat ‘jawoll, das hat toll funktioniert und der Spannungsbogen war da und das Publikum war begeistert.’ Das wächst über einen selbst hinaus und man kann natürlich nicht genau erklären, woher was kommt. Ich kann natürlich im Nachhinein die formalen Prozesse musiktheoretisch analysieren. Aber das kommt dann zustande und das hat tatsächlich so einen Moment, dass man das Gefühl hat, vielleicht hat mir da auch jemand die Hand geführt.

Steinmann
Ich schreibe keine Musik, aber ich schreibe Texte. Da gibt es immer wieder mal den Moment, wo es nicht weitergeht. Passiert das beim Musik komponieren auch?

Michel:
Ja, selbstverständlich. Das ist der sogenannte „horro vacui“. Man hat Angst vor dem leeren Blatt und man weiß nicht, welches Wort oder welchen Ton man als ersten schreiben soll. Da gibt es über Jahrhunderte entwickelte Methoden um diesen horror vacui zu überwinden. Die „fons inventionis“ der alten Rhetorik, das sind also Techniken, wie man Erfindungsörter schafft. Sich selber zu Phantasie und zur Erfindung und zu einem Anfang anregt.

Steinmann:
So Einfallschneisen für den „spirit“. Die biblische Pfingstgeschichte erzählt auch vom Verstehen.
Da sind in dieser Szene sehr verschiedene Menschen zusammen. Obwohl sie alle aus dem Judentum kommen, aber sie sind in alle Welt verstreut und verstehen sich nicht. Dann kommt ein neuer Geist der sie verbindet, der sie sogar einander verstehen lässt. Mannheim ist ja auch kulturell und ethnisch sehr vielfältig. Kann Musik, geistliche Musik, auch Menschen kulturell miteinander verbinden?

Michel:
Das ist ja gerade das Charakteristikum der Musik, dass sie keine nationale Sprache braucht. Ich spreche zunächst mal nur von der westlichen Musik und dabei auch von der geistlichen Musik. Das verbindet ja natürlich über die Musik selbst und selbst wenn ich kein französisch oder schwedisch kann, kann ich doch mit Musikern aus diesen Ländern ohne Probleme stundenlang und wochenlang zusammen musizieren. Wir musizieren aus einem Geist, obwohl wir uns dann hinterher gar nicht darüber unterhalten können. Ein bisschen anders ist es, wenn man an außereuropäische Musik denkt, während ja umgekehrt man den Eindruck hat, dass die westliche Musik in China, Japan und diesen Ländern sehr populär ist und riesige Konzerthallen gebaut werden, in denen unsere Orchester, unsere Organisten und unsere Chöre sehr viel konzertieren. Es gibt wohl eine Musik und es scheint diese Dur-Moll-tonale Musik zu sein, die überall auf der Welt verstanden wird.

Steinmann:
Dann wollen wir hoffen, dass der Pfingstgeist auch im Leben in Zukunft Spuren hinterlässt.

Michel:
Also da kann ich nur an alle Hörerinnen und Hörer appellieren: Hören Sie viel Musik an Pfingsten oder besser, singen Sie selbst.

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