Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wie viel Himmel braucht der Mensch?
Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas von der evangelischen Kirche im Gespräch mit Professor Dr. Hans-Joachim Eckstein, Tübingen

Rittberger-Klas: „Himmlisch schön!“ In unserer Alltagssprache ist der Himmel als Sehnsuchtsort noch präsent. Wenn aber heute an Christi Himmelfahrt in christlichen Predigten vom „Himmel“ gesprochen wird, wirkt das für viele Menschen eher fremd. Ich spreche mit Hans-Joachim Eckstein. Er ist Pfarrer, Autor und Professor für Neues Testament in Tübingen. Herr Professor Eckstein, haben Sie den Eindruck, dass das christliche Bild vom „Himmel“ heute noch verständlich ist?

Eckstein: Auf eine Weise war es eigentlich nie verständlich – im Sinne von selbst-verständlich – weil der christliche Himmel ja etwas beschreibt, was wir hier nicht erfahren, was wir nicht gesehen haben. Und insofern war der Himmel immer ein Gegenbild, eine Hoffnung, die man gewonnen hat von der Bibel her, aus der Gemeinschaft heraus. Insofern habe ich volles Verständnis dafür, wenn jemand sagt, ich kann mir unter dem biblischen, dem christlichen Himmel nichts vorstellen. Andererseits glaube ich, dass jeder von uns eine Hoffnung braucht, ein Gegenbild braucht, eine Gegenwelt, eine Utopie, denn hätten wir kein Ziel, könnten wir uns nicht orientieren, hätten wir in Leiderfahrungen nicht irgendwo einen Schimmer am Horizont, woran sollten wir uns orientieren. Das heißt, viele würden den Begriff „Himmel“ nicht mehr gebrauchen, aber sie kennen doch dieses Blicken nach einer Hoffnung, nach einer anderen Welt, nach einer Zukunft, die motiviert.

Rittberger-Klas: Die christliche Hoffnung, die das Bild vom Himmel ausdrückt, verbindet ja zwei Aspekte miteinander – die universale Hoffnung auf eine neue Welt ohne Leid, auf das „Reich Gottes“, das „Himmelreich“ eben, wie es im Matthäusevangelium heißt. Und die individuelle Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, über den Tod hinaus. Was steht für Sie im Vordergrund, wenn Sie vom „Himmel“ sprechen?

Eckstein: Das ist eine interessante Frage – ich glaube, es kommt auf den Blickwinkel an. Und so kann ich für mich selber sagen, dass in Not, in Krankheit, im Alter diese persönliche Perspektive eine Rolle spielt, dass ich jenseits meiner Leiderfahrung weiß: Ich werde auferstehen, ich werde im Himmel sein, das heißt, mit geliebten Menschen, mit Gott in einer heilen, neuen Zukunft leben können. Wenn wir heute Abend die Nachrichten schauen und sehen das Leid, Krieg, Verfolgung in der Welt – dann bedrängt uns diese Ungerechtigkeit, die wir politisch, die wir sozial erfahren. Und da ist Himmel eben genau das Versprechen: Gott wird kommen und die Welt zurechtbringen, er wird endlich die Welt erlösen. Und da haben wir das Ganze im Blick und sind oft beschämt, wenn an uns denken, an unsere kleinen Probleme angesichts der Probleme der ganzen Welt.

Rittberger-Klas: Diese Hoffnung, von der Sie jetzt gesprochen haben, die richtet sich ja auf Zukunft. Gleichzeitig verändert die Tatsache, Hoffnung zu haben, ja auch etwas für die Gegenwart.

Eckstein: Das scheint mir der eigentlich spannende Augenblick zu sein jetzt in unserem Gespräch. Die Hoffnung hatte lange Zeit den Verdacht, es sei ein Verdrängen auf das Jenseits, ein Vertrösten auf das Jenseits. Und die, die meinten, in der Gegenwart zu leben, haben dann nicht selten auch gespottet über eine christliche Hoffnung vom Himmel. In Wirklichkeit ist es aber so, dass Hoffnung motiviert, und dass Hoffnung notwendig ist und Vorfreude, um in der Gegenwart überhaupt mit Perspektive und Zuversicht zu leben. Das heißt: Eine vernünftige Hoffnung, eine begründete Hoffnung macht nicht diesseitsflüchtig, sondern, wenn man will, sie macht diesseitstüchtig. Und das gibt es nicht nur im Rahmen unseres Glaubens, sondern auch im Alltag: An Tagen, an denen wir uns auf etwas freuen, in Zeiten, in denen wir eine Perspektive haben, leben wir im Hier und Jetzt viel erlöster, viel unbeschwerter und zugleich – und das ist mir wichtig – auch viel motivierter. Und so kann man sagen, dass die Hoffnung auf den Himmel – wenn es denn wirklich eine biblische Hoffnung ist – gleichzeitig relativiert, was wir hier an Ärger haben, an Vorläufigem erleiden müssen, an Pflichten ableisten müssen – es relativiert so vieles… – und zugleich motiviert es, nämlich es motiviert es, es motiviert zu dem Sinnvollen, zu dem, was vom Ziel her heute sinnstiftend ist und getan werden will.

Rittberger-Klas: Von Karl Marx stammt ja der berühmte Satz – jetzt ist wieder viel von Karl Marx die Rede im Jubiläumsjahr – von der Religion als „Opium des Volkes“, was ja auch auf diese Jenseitshoffnungen abzielt als Kritik. Kann man sagen: Opium im Sinne von Schmerzmittel, das Schmerz lindern kann, schon, aber eben nicht im Sinne des Dämpfens und Abstumpfens, sondern dann auch wieder im Sinne der Motivation, der Möglichkeit, neue Energie zu bekommen.

Eckstein: Ja, die Philosophie des letzten Jahrhunderts hat entdeckt: Man kommt gar nicht aus ohne Utopien, das heißt also Hoffnungen, Sehnsüchte, Bilder, Entwürfe. Aber der Name Utopie sagt von vornherein: Das gibt es nirgendwo, das hat keinen Ort. Dann finde ich den Gedanken des Himmels in der Bibel noch verlockender: Die Gewissheit zu haben es kommt, auch wenn ich es jetzt noch nicht sehe. Und ich orientiere mich schon daran, aber ich halte es nicht für eine Utopie. Denn dann würde es mich lähmen. Wenn ich weiß, dass etwas Illusion, gibt es mir keine Kraft. Hoffnung will begründet sein, damit sie auch motiviert.

Rittberger-Klas: Der christliche Glaube ist ja von dieser Hoffnung getragen – oder andersrum trägt diese Hoffnung in sich. Trotzdem ist es ja so, dass viele Menschen heute nicht unbedingt mehr in der Kirche oder auch in der kirchlichen Verkündigung das finden, was ihre Sehnsucht stillt. Wie, denken Sie, können wir als Christen und damit auch die Kirche damit umgehen? Wie können wir nicht nur von Hoffnung reden, sondern sie auch – darauf, glaube ich, kommt es ja an – glaubhaft leben?

Eckstein: Das ist wohl das Entscheidende. Also, wenn der Himmel nicht sichtbar ist, dann kann ich ihn ja nur denken, wenn ich ihn irgendwo ahnen darf. Es muss ja irgendwo vor-abgebildet sein. Und der Gedanke ist eigentlich, dass der unsichtbare Himmel in der christlichen Gemeinschaft für Menschen „sichtbar“ wird im Sinne von „erfahrbar“ wird. Gottes Liebe ist vollkommen, aber eben unsichtbar. Der Himmel mag vollkommen sein, aber er ist unsichtbar. Die menschliche Gemeinschaft aber kann etwas sichtbar machen. Und ich glaube, wenn das gelingen würde, dass wir in den Gemeinschaften uns gegenseitig wertschätzen, tolerieren, zur Geltung bringen, wenn wir selbst den Himmel praktisch im Kleinen vor-abbilden, dann wird er auch für andere denkbar – oder zumindest als Sehnsucht auch greifbar. Und da sähe ich die erste Aufgabe, das zu verwirklichen. Das Zweite – und das hat die Kirche immer wieder gemacht, auch diakonisch, in der Caritas: Wenn diese Erlösung, wenn das Heilen schon erfahrbar wird, indem sich Menschen zuwenden, auch in ihrem Erbarmen zuwenden, wo ich gar keinen Anspruch haben, und mich abholen und einbinden, dann ist in dieser gelebten Nächstenliebe, in diesem Erbarmen der Himmel schon zu ahnen. Warum machen Menschen das? Warum kümmern die sich um andere, obwohl sie es nicht müssten? Warum sind sie so barmherzig? Da wird plötzlich das erkennbar: Da muss es eine Realität geben, die Realität dieser Hoffnung, des Glaubens der Menschen, die es leben. Und da würde ich natürlich sagen, dass wir das als Gemeinde, dass wir das als christliche Kirche viel mehr in den Vordergrund stellen sollten und da greifbar und sichtbar werden auch für unsere Gesellschaft. Das wäre ungleich einladender als alle möglichen anderen Formen der Äußerung, der Kritik des Eingreifens oder was immer uns bestimmt.

Rittberger-Klas: Hoffnung, das glaube ich auch, wird da weitergegeben, wo sie auch gelebt wird. Und trotzdem gründet sie sich ja in Worten, die wir haben. Welches Bibelwort würden Sie auswählen, um deutlich zu machen, was die Hoffnung auf den „Himmel“ für Sie ausmacht?

Eckstein: Also, wenn ich ein Wort aussuchen sollte, dann würde ich wahrscheinlich Offenbarung 21 ansprechen. Da wird nämlich von dem „neuen Himmel“ und der „neuen Erde“ erzählt, die dann kommt, wenn Christus wiederkommt, der Himmelfahrt zu seinem Vater aufging. Und da heißt es: Siehe da, die Wohnung Gottes bei den Menschen. Und Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein. Und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und Gott sprach: Siehe, ich mache alles neu. (Offenbarung 21,3-5). Das ist die Hoffnung auf den Himmel.

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