Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Ein theologisches Essay

Karfreitag ist der Tag, an dem die Kirche an Jesu Tod erinnert. Jesus war, so glauben und bekennen wir, Gott und Mensch in einem. Wie Menschen sterben, das erfahren wir als Klinikseelsorger fast jeden Tag. Wer im Krankenhaus arbeitet, kann daran nicht vorbeisehen: an den Sterbenden, an den Leichenwagen, an  in Tränen aufgelösten Angehörigen. An der Tatsache, dass es eine Grenze gibt, wo Menschen und Medizin noch helfen können. Wir wissen ja, dass wir alle einmal sterben müssen. Brutal formuliert: „Sobald ein Mensch zum Leben kommt, ist er alt genug zum Sterben.“ (J. v. Tepl). Die einen früher, die anderen später, aus Altersschwäche oder aufgrund einer Krankheit, natürlich oder gewaltsam. 

Das Sterben und der Tod haben die Menschen immer schon beschäftigt, weil sie dabei an ihren eigenen Tod, ihr eignes Sterben gedacht haben. Darum haben sie schon vor langer Zeit aufgezeichnet, wenn es ein berühmter Mann auf eine besondere, geradezu vorbildliche  Art und Weise tat. Im Jahr 399 vor Christus zum Beispiel starb der berühmte Philosoph Sokrates und zwar - so berichtet sein Schüler Platon - folgendermaßen:

Am Abend seines letzten Tages – Sokrates war von dem Athener Gericht zum Tode verurteilt worden – nahm er noch einmal ein Bad, um, wie er sagte, den Weibern mit seinem Leichnam keine Arbeit zu machen. Dann ließ er seine beiden kleinen Söhne und seine Frau zu sich kommen und verabschiedete sich von ihnen. Eine große Schar von Freunden und Schülern hatte sich schon seit der Morgenstunde bei ihm in der Zelle versammelt. Sie redeten natürlich über den Tod. Sokrates erklärte ihnen: Der Tod, das ist die Trennung der Seele vom Leib. Das ganze Leben eines Philosophen aber ist nichts anderes als eine Vorbereitung auf diese letzte Stunde, weil der Philosoph mit ganzer Seele nach der Wahrheit strebt und ihm alles, was den Leib betrifft, unwichtig ist. Er, Sokrates , hoffe darauf, dass seine Seele  nach dem Tod dort ist, wohin sie immer strebte: bei der Weisheit. Gerade so, wie die Seelen anderer, die hoffen , im Jenseits ihre verstorbenen Kinder und all die Menschen zu finden, die sie geliebt haben. 

Schließlich trat der Wächter ein. Er hatte Sokrates in seiner Gefangenschaft als weisen, milden und freundlichen Menschen kennengelernt. Nun bat er ihn unter Tränen um Verzeihung, für das, was er tun musste. Ein Freund flehte Sokrates an, den Becher mit dem Gift doch noch etwas später zu trinken. Aber Sokrates sagte: Er würde sich lächerlich vorkommen, wenn er wegen der paar Stunden an seinem Leben kleben würde. „Nun aber ist es Zeit fortzugehen“, sagte er. „Für mich um zu sterben, für euch um zu leben. Wer aber von uns dem besseren Los entgegen geht, das ist allen verborgen, außer Gott.“

Sokrates betete noch einmal, dass seine Wanderung ins Jenseits glücklich sein möge. Er nahm den Becher, ohne zu zittern, trank ihn „frisch und unverdrossen“. Dann ging er noch ein paar Schritte in seiner Zelle auf und ab, bis ihm die Schenkel schwer wurden. Sokrates legte sich ruhig auf seine Pritsche und starb. So endete, heißt es in der Schrift von Platon, der vernünftigste, trefflichste Mann, dessen Vergehen einzig darin bestanden hatte, dass man ihm vorwarf, mit seiner Lehre die Jugend zu verderben. 

Manche sehen in Jesus eine Art christlichen Sokrates: einen weisen, frommen Menschen, der zu Unrecht verurteilt einen grausamen Tod sterben musste. Denn Jesus starb mit etwa 33 Jahren und zwar folgendermaßen: Einer seiner engsten Freunde hatte ihn verraten. Ein andere leugnete, dass er jemals etwas mit ihm zu tun gehabt hätte. Im Garten Gethsemane, wo alle seine Jünger, statt zu mit ihm wach zu bleiben, eingeschlafen waren, hatte er zu Gott, seinem Vater gebetet: Bitte, mach, dass dieser Kelch an mir vorüber gehe.“ Nach Jesu Gefangennahme, dem Verhör und der Verurteilung riefen seine Bewacher eine große Schar von Menschen zusammen. Sie flochten ihm eine Dornenkrone, schlugen ihn, spuckten ihn an. Sie legten ihm einen Purpurmantel um und verspotteten ihn mit dem Satz: ‚Gegrüßet seist du, der Juden König.‘ Dann zogen sie ihm alle Kleider aus und würfelten, wer diese Kleider bekäme. Anschließend kreuzigten sie ihn und mit ihm noch zwei Mörder. Und während Jesus nun langsam am Kreuz starb, machten sich die Vorübergehenden  über ihn lustig. Sechs Stunden später war Jesus dann tot. „Es ist vollbracht.“ Sagte er, nach einer Überlieferung (Johannes, 19,30). Vielleicht aber  starb er  – denn auch das ist überliefert - mit dem Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn es so war, dann starb Jesus ohne ein Reuegebet auf den Lippen, unversöhnt mit Gott. Ohne Zuversicht, ohne Ergebung.  Gott, der Vater, antwortete ihm nicht. Gott war vorher da gewesen. Aber nun, wo Jesus ihn am nötigsten hatte, ließ er ihn allein. Einer aber, der diese Szene beobachtete, bemerkte: Dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen. Karfreitag ist der Tag, an dem die Kirche an Jesu Tod erinnert. Jesus war, so glauben  und bekennen wir, Mensch und Gott in einem. Aber kann man sich das überhaupt vorstellen? Ein Gott, der stirbt und dabei schreit: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Was an Karfreitag geschah, lässt sich erzählen, aber man kann es doch eigentlich genauso wenig verstehen, wie man verstehen kann, warum fröhliche Schulmädchen von Autos überfahren werden. Warum Männer mit 40 einen Hirntumor bekommen.

In der Klinik ist jeder Tag Karfreitag. Ein Tag, an dem Menschen in ihrem Leiden danach fragen: Wo ist Gott? Wenn es ihn geben sollte, dann sind ihm die Menschen offenbar zutiefst egal. Litt Gott oben im Himmel mit an dem, was er dem Sohn unten auf der Erde auferlegt hatte? Quälte sich Gott selbst mit dem, was er da angerichtet hatte? Wie konnte Gott mit dieser Last weiterleben? Stimmt die Geschichte überhaupt? Und wenn ja, was soll das Ganze?

Jesus, so lehrte später die Kirche, ist Gott und Mensch zugleich. Wahrer Mensch und wahrer Gott. Das halten die meisten Christen heute für übertrieben, unglaubwürdig. Jesus, denken sie, ist ein vorbildlicher Mensch, so eine Art männliche Mutter Theresa, ein frommer Mann, so eine Art christlicher Sokrates. Ein besonders edles Exemplar unserer Gattung. Aber Gott? Wozu sollte das gut sein? Jesus ist für viele genauso wenig Gott wie Herr Müller von nebenan.

So verständlich diese Einschätzung ist - man bringt mit ihr den christlichen Glauben um das, was an ihm wirklich neu ist. Weltweit ist das Christentum nämlich die einzige Religion, die glaubt, dass selbst einem allmächtigen Gott etwas fehlt, wenn er den Tod nicht kennt und das, was Jesus erlebt hat: Zweifel und Todesqualen. In der Geschichte von den letzten Stunden Jesu gibt es eine Gefühlsäußerung, die zeigt, dass Gott, obwohl man das nicht denken und nicht begreifen kann,  Todesqualen und Qualen des Zweifels durchlitten hat. „Auf eine übermenschliche Art und Weise durchlitt er das menschliche Grauen des Pessimismus“, schreibt Gilbert Keith Chesterton. „Als die Erde erbebte und die Sonne am Himmel erlosch, geschah es nicht wegen der Kreuzigung, sondern wegen des Schreis, der  vom Kreuz kam und der bekannte, dass Gott von Gott verlassen war.“ Gott war der einzige, der „die Einsamkeit der Atheisten in Worte gefasst hat. „Das Christentum ist“, so Chesterton, „von daher die einzige Religion, in der Gott eine Sekunde lang selber Atheist zu sein scheint.“ „Dass ein braver Mann mit dem Rücken zur Wand stehen kann, wussten wir längst. Dass Gott mit dem Rücken zur Wand stehen kann“, dass war das neue.“

Jesus, so glauben und bekennen wir, war Gott und Mensch in einem. Ein Mensch in Todesangst und ein Gott, der erfahren hat, was Schmerzen sind. Uns sterblichen Menschen zuliebe. So, wie es im Passionslied heißt: „Wenn mir am allerbängsten, wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten, kraft deiner Angst und Pein.“ Ein Vers, der in vielen Karfreitagsandachten – auch in unserer Klinik - heute gesungen wird, uns sterblichen Menschen zum Trost.

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