Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

auch im Jahre 500 der Reformation 

Kalle Grundmann im Gespräch mit Barbara Rudolph, Oberkirchenrätin der evangelischen Kirche im Rheinland und dort insbesondere für die Ökumene zuständig

Grundmann

Pfingstmontag, in vielen christlichen Gemeinden ist dies der Tag der Ökumene. Wieso erinnert man sich ausgerechnet an Pfingsten an die Ökumene?  

Rudolph

Das ist ja das Fest das Fest der Kirche und des Heiligen Geistes. Und der Heilige Geist, der hält sich nicht an den Kirchenmauern auf, sondern er weht, wo er will, heißt es in der Bibel. Und wir erinnern uns am Pfingstfest daran, dass gemeinsam zum Zeugnis in dieser Welt berufen sind und das heißt alle Kirchen und alle Christinnen und Christen gemeinsam.

 Ökumene und 500 Jahre Reformation  

Grundmann

Jetzt ist aber dieses Jahr ein besonderes Jahr – 500 Jahre Reformation. Die protestantischen Kirchen feiern - klar, es ist sozusagen das Fest der Geburt der protestantischen Kirchen und die Katholiken, die feiern das weniger, sondern sehen darin natürlich auch der den Anfang der Spaltung der abendländischen Kirche. Bei dieser Ausgangslage: Ist 500 Jahre Reformation, überhaupt ein gutes Thema für Ökumene?

 Rudolph

Ich glaube, ich sollte noch einmal kurz sagen, dass wir nicht 500 Jahre der Geburt der evangelischen Kirche feiern. Die Kirche ist 2000 Jahre alt und sie geht zurück auf die Erwählung des Volkes Israel und der Erwählung durch Israel an alle Völker. Das heißt wir haben eine lange Traditionsgeschichte. In der Reformation vor 500 Jahre sind Dinge wiederentdeckt worden und ich würde mal sagen: Ist das, was Gott mit dem Menschen will wieder neu zum Strahlen gebracht worden. Und inzwischen trennt das die Kirchen nicht mehr. Es ist durch großen Streit erkämpft worden, wir wissen, dass große Kriege darum geführt worden sind. Aber vor 15 Jahren haben sich katholische und evangelische Christen halt gemeinsam in der Erklärung zur Rechtfertigungslehre darauf verständigt, dass in den Kernfragen der Reformation uns nichts trennt. Und das wollen wir zusammen feiern in diesem Jahr. Sie haben Recht wir haben eine unterschiedliche Einschätzung, wir kommen sozusagen von zwei Seiten auf das Reformationsjubiläum zu. Das würdigen wir. Wir haben im März in der Passionszeit, der Fastenzeit, einen Gottesdienst gefeiert gemeinsam. Wo wir auch an die Trennungs- und Schuldgeschichte gedacht haben – ein Reformationsgedenken. Jetzt feiern wir.

Grundmann

Bei diesem Gottesdienst spielte der Begriff der Heilung eine Rolle. Wie ist es dazu gekommen? Wer hat den ins Spiel gebracht?

Rudolph

Heilung der Erinnerungen ist der vollständige Begriff. Der kommt eigentlich aus der Region des Balkans. Wo nach dem schrecklichen Bürgerkrieg in Jugoslawien die Kirchen in Europa die Kirchen dort zusammengeführt haben: Lasst uns einmal die Geschichte der Erinnerungen heilen. Dort waren wir mehr diejenigen, die geholfen haben. Jetzt brauchten wir Hilfe zueinander, dass wir uns noch mal anschauen, wo über die Jahrhunderte auch ja Erinnerungen nicht nur tradiert sondern richtig fixiert worden sind, die es schwer machen zur Versöhnung. Und das ist geschehen. Es ist mal alles angesprochen und ausgesprochen worden. Und wenn man das einmal ausgesprochen hat, dann ist auch der nächste Schritt zum Versöhnen möglich.

Grundmann

Und was ist der nächste Schritt zum Versöhnen?

Rudolph

Der ist, dass wir jetzt miteinander feiern. Und nicht die ganze Zeit – die einen sagen: Ach lasst uns doch zusammenfeiern und die andern sagen: Oh, ist das denn ein Grund zu feiern? Das war immer so ein Streit. „Gedenken“ sagten die Katholiken, „Jubiläum“ sagten die Evangelischen. Inzwischen hat sich das ganz und gar – denke ich - ausgeglichen. Wir haben miteinander auch den traurigen Dingen gedacht, die auch schon in der Reformationszeit selber schon nicht gelungen sind auch gegenüber Juden, gegenüber Muslimen, gegenüber Bauern und gegenüber denen, die anders glaubten. Und jetzt sind wir dabei, zu feiern und uns daran zu freuen, was in der Reformation entdeckt ist. Und am Ende dieses Jahres, wenn das Reformationsjubiläum wirklich dann anfängt. Dann müssen wir vielleicht auch mal nachdenken, wie die Reformen in der Kirche auch weitergehen können, damit wir wirklich auch  zusammenwachsen.

Grundmann

Wie sieht das Feiern denn aus? Da gibt es ja den Begriff des Christusfestes. Wie ist es dazu gekommen?

Rudolph

Also er ist erstmal entstanden aus der Frage heraus, ist es ein Reformationsjubiläum oder ein Reformationsgedenken? Und in der Diskussion haben wir gesagt, eigentlich geht es doch gar nicht um die Frage, was es mit der Kirche auf sich hat. Sondern in der Mitte von dem, was Martin Luther entdeckt hat und dann sag ich mal die andern Reformatoren wie Johannes Calvin oder Huldrych Zwingli, das war doch, dass Jesus Christus auf diese Welt gekommen ist, um uns Menschen zu retten. Und das ist eigentlich, was er wieder erkannt hat. Luther hat dann immer in der Bibel gesucht, so hat er das genannt: „Was Christum treibet“. Also wo erkenne ich Gott in seiner Menschlichkeit und nicht in seiner Bedrohung so wie Luther das so in seiner Zeit für sich gedeutet hat. Und als ich das mal zum Vorschlag brachte. Lasst uns doch wie wir in Trier eine Christuswallfahrt gemacht haben auch ein Christusfest feiern, merkte ich Resonanz nicht nur bei der Katholischen Kirche, sondern auch bei den Freikirchen, die sagten: Ja, Jesus Christus feiern, das können wir unabhängig von den Kirchen. Und das, was mich dann letztlich überzeugt hatte, dass ein Orthodoxer sagte: Das finde ich einen schönen Gedanken, auch wenn wir mit der ganzen abendländischen Kirchengeschichte nichts zu tun haben, die Christusikone ist uns das Wertvollste, wir kommen gerne zu einem Christusfest.

Christusfest in Koblenz an Pfingstmontag 

Grundmann

Also in Trier, das war bei der Heilig Rock Wallfahrt, also einer Christuswallfahrt der Katholiken. Und jetzt gibt es das Christusfest ja im Zuge von 500 Jahre der Reformation.

Unsere Sendung wird an Pfingstmontag ausgestrahlt und da gibt es sogar ein Christusfest hier bei uns im Gebiet in Koblenz auf der Festung Ehrenbreitstein. Wer ist denn da der Einladende?

Rudolph

Also aus der Christuswallfahrt in der Tat – wir haben nie als Evangelische Heilig Rock Wallfahrt gesagt, weil uns das fremd ist, ist die Idee entstanden, lasst uns ein Christusfest feiern. Das eint uns. Und daraufhin haben wir als Evangelische Kirche, die Protestantische Kirche der Pfalz und die Evangelische Kirche im Rheinland zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen – also mit allen Kirchen, die in dieser Region auch zuhause sind – eingeladen zur Festung Ehrenbreitstein. Und das Land Rheinland-Pfalz mit seiner Stiftung für die Festung Ehrenbreitstein hat mit eingeladen. Also es ist ein ganz großes Fest und es kommen aus der ganzen Region, aus den Kirchengemeinden und Pfarrgemeinden und von überall her Busse an. Es wird ein großer, proppevoller Tag werden. Und die, die einfach nur so einen Ausflug machen  Pfingsten zu Ehrenbreitstein, sind auch eingeladen.

Grundmann

Es hat ja auch noch ein schönes Motto. Nämlich: „vergnügt, erlöst, befreit“. Wie kam es zu diesem Motto für dieses Fest.

Rudolph

Das ist das Motto für das Reformationsjubiläum der Evangelischen Kirche im Rheinland. Und geht zurück auf einen Rheinländer, genauer gesagt einen Niederrheiner, nämlich auf den Kabarettisten Hans-Dieter Hüsch. Der hat neben vielen fröhlichen und lustigen Dingen auch einige sehr, sehr schöne Psalmnachdichtungen gemacht. Und eine dieser Psalmdichtungen heißt: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit.“ Und in diesem Motto „vergnügt, erlöst, befreit“ haben wir ganz viel von dem entdeckt, was wir in diesem Reformationsjahr feiern. „Vergnügt“: Es ist wirklich eben ein fröhliches Fest und das passt auch so ein bisschen zur rheinischen Laune. „Erlöst“ ist wirklich in der Tiefe das Erlösungswerk Jesu Christi. Und „befreit“ ist, wir können von dort aus frei diese Welt neu gestalten und versuchen ihr ein menschliches Angesicht zu geben. Es ist also ganz fromm. Und zugleich aber auch wunderbar verständlich für Menschen, die einfach so zum Fest kommen und es mit erleben.

Grundmann

Also auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz findet ein buntes Fest, zu dem Christen aller Couleur – sag ich jetzt mal - kommen. Und auf was freuen sie sich da am meisten?

Rudolph

Ich freue mich erst einmal, dass wir morgens um 10 Uhr mit einem wunderschönen Gottesdienst beginnen, an der die Menschen aus der Region mitgearbeitet haben, aus allen verschiedenen Kirchen. Und einen schönen Sendungsgottesdienst am Ende des Festes um 17 Uhr, in dem die leitenden Geistlichen aus der Region miteinander uns auch senden. Und dazwischen bin ich ganz gespannt auf die vielen verschiedenen Veranstaltungen. Ich persönlich werde auf jeden Fall noch mal zum Marienberger Jugendchor gehen, der ein wunderschönes Musical zu Martin Luther gemacht hat, das ich schon mal hören durfte. Und auf das ich mich sehr noch einmal freue. Aber es gibt auch ganz vieles, was ich noch gar nicht kenne, was mich dann auch sehr freuen wird.

 

Grundmann

Das macht Lust auf das Fest in Koblenz auf der Festung Ehrenbreitstein, das Christusfest „vergnügt, erlöst, befreit“.

Vielen Dank Frau Rudolph!

Rudolph

Danke auch Herr Grundmann.

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