Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit
Professor Hans-Christoph Rademann; Foto: Holger SchneiderHans-Christoph Rademann,
Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart  und der Gaechinger Cantorey

Steinmann:
Herr Professor Rademann, Sie sind seit 4 Jahren Leiter der Internationalen Bachakademie in Stuttgart. Und damit auch der Gaechinger cantorey.
Über Ostern sind Sie in den USA auf Konzertreise, darum haben wir das Gespräch vorher aufgezeichnet. Da stehen auf dem Programm Johannespassion und h-moll Messe, beides Johann Sebastian Bach..
Finden Sie in diesen beiden Werken auch „persönliche“ Ostermusik?

Rademann:
Natürlich weniger jetzt in der Johannespassion, die ja nun in dem Sinne wirklich keine Ostermusik ist, aber ich glaube, dass viele Menschen, die sich gewünscht haben, dass bei ihrer Beerdigung der Schlusschoral der Johannespassion erklingt, ein phänomenaler Choral, der ja auch nicht traurig endet, sondern hymnisch: "Erwecke mich, heißt es ja da." Dieser Choral den kann schon auch als Sinnbild verstehen, dass die Passion in Ostern reinragt.

Und in der h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach gibt es eine Passage "et exspecto ressurectionem", bei der Bach durch den gesamten Quintenzirkel eine komplette Verwandlung im harmonischen Bereich komponiert hat, der wirklich so klingt wie das, was man manchmal gehört von den Leuten, die Nahtoderfahrungen hatten, als würde man wirklich durch so nen Tunnel laufen, in Richtung eines Lichtstrahls. Und wie ungeheuerlich Bach diesen Schwebezustand der Hoffnung auf das ewige Leben und dann des Eintritts dieses Zustandes in dem Chor "et vitam venturi saeculi" vertont hat, das ist einfach für mich jedes Mal wieder eine ganz großes Erlebnis und in jeder Aufführung der h-moll Messe warte ich sehnsüchtig auf das Credo, in der diese Passage mir immer näher kommt.

Steinmann:
Kann man sagen, das ist so was wie ein persönliches Ostererlebnis?

Rademann:
Ja, zumindest ist es eine Empfindung, dass es sich um eine Realität handelt. Also die Fragestellung, ob das stimmt oder ob das nicht stimmt, die verliert sich in dem Moment und es formuliert sich selbst als eine Wahrheit, der man nicht widerstehen kann. In dem Moment zweifle ich nicht.

Steinmann:
Wenn Sie Musiker sind, ist es ganz klar, dass wir auch Ostermusik hören müssen. Sie haben mir erzählt, dass das für Sie, nicht unmittelbare Ostermusik, aber eine sehr österliche Musik ist, was schon vor der Passionszeit seinen liturgischen Ort hat, nämlich eine Kantate von Bach.

Rademann: Ich habe es ja so begründet, dassdie Intention von sehr viel Musik die ist, man möge doch, sich das Passionsgeschehen zu eigen machen, wie es beispielsweise in der Matthäus-Passion heißt: "Welt geh aus lass Jesum ein", also man soll seinen Stall sauber machen, also den inneren Stall,  den Müll rausräumen. Damit man einen Raum hat, um ein Verhältnis zu Jesus aufzubauen, so würde ich das mal nennen. Und dazu muss man irgendwo den richtigen Blick entwickeln und es ist in der Bachkantate BWV 23 "Du wahrer Gott und Davids Sohn" ein kurzes Rezitativ, bei dem ein Text von Lukas zitiert wird, nämlich des Blinden, der Jesus ruft, er möge ihm helfen. Und während er ihn ruft, hört man Jesus durch die Musik, also man sieht ihn musikalisch, in dem da der Choral "Christe Du Lamm Gottes“ komponiertt ist: Und das ist so eine unglaublich faszinierende Musik, unglaublich aufhellend.

Steinmann:
Dann hören wir da mal rein:

“Ach, gehe nicht vorüber” 

Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich im Gottesdienst bin an Ostern, dass mir Auferstehung viel leichter über die Lippen kommt, gesungen als gesprochen. Warum hats Musik leichter, österlich zu sein?

Rademann:
Ich behaupte immer, dass die Musik die Schlauheit des Körpers aktiviert. Also nicht nur des Geistes. Das hatte ich jetzt auch mit einem russischen Journalisten besprochen. Und er hat dann die Augen aufgerissen, völlig entsetzt und hat gefragt: ' Und nicht die Seele?' Und ich suchte dann einen Weg aus der Situation rauszukommen und hab benannt, dass die Seele ja mit dem Körper auch etwas zu tun hat. Ich sag das deshalb, weil ich glaube, da versteht man Dinge, die man mit Argumenten allein vielleicht viel schwerer verstehen würde.

Steinmann:
Übrigens im Alten Testament, im Hebräischen, ist die näfäs, die Seele, vorgestellt, dass sie im Kehlkopf sitzt. Also da ist die enge Verbindung zwischen Körper und Seele eigentlich schon gegeben und die Nähe natürlich auch zum Singen.

Rademann:
Das finde ich sehr interessant, vor allen Dingen, weil man auch sagt, 'es hat ihm die Sprache verschlagen' und es tatsächlich Menschen gibt, die aufgrund von irgendwelchen Erlebnissen, die sie nicht verkraften, tatsächlich auch die Stimme verlieren. Ich habe solche Leute schon gesehen. Manche konnten ein halbes Jahr nicht reden. Das kehrt dann zurück, meistens.

Steinmann:
In den biblischen Erzählungen reagieren Menschen ja sehr sehr verschieden auf die Auferstehung. Die Frauen, die zum Grab kommen, sind zutiefst erschrocken, Thomas ist der Urtyp des Zweiflers. Paulus, als der Jesus begegnet dem Auferstandenen, wird er blind. Das sind tiefe Erfahrungen bevor Menschen glauben können. Gibt es in diesen biblischen Personen, die Ihnen bekannt vorkommen.

Rademann:
Na, ich kann zB den Petrus gut verstehen. Denn, man braucht ja nur auf sein eigenes Leben zu schauen, dass man wirklich ganz sicher ist,  was man tun wird und sich ein Vorhaben setzt und sagt: ‘Ich werde dich nie verraten.’ Und in der entsprechenden Situation, wenn der Druck dann unermesslich wird, dann passiert es doch. Dieses Scheitern, das ist ja permanent zugegen, dass etwas eben nicht so macht wie man es eigentlich machen will. Und da bin ich eigentlich persönlich froh, dass man jetzt das Lutherjahr hat, dass man sich jetzt mal ein bisschen beschäftigt, mit dem Verhältnis von Luther zu diesen Fragen: Das Anerkenntnis dieser Tatsache kann einen auch trösten, dass es eben einfach so ist, dass man damit zu leben hat.

Natürlich hab ich mich auch sehr intensiv mit den Passionen beschäftigt und der Grundgedanke, den ich daraus ziehe, ist, dass Jesus durch diesen Gnadenakt des Kreuzestodes uns frei gemacht hat, erlöst. Und das ist natürlich ein unwahrscheinlicher Liebesakt, der vollzogen wurde und die Musik kann das irgendwie alles parallel transportieren, dass man diese Empfindungen parallel empfindet und gleichzeitig auch irgendwelche Ängste von einem dann abfallen. Und wenn man dann singt: 'Wir wollen alle fröhlich sein, zu dieser österlichen Zeit', da bekomme ich persönlich dann schon so eine Art Gänsehaut, wenn ich mir nur allein den Choral vorstelle.

Botschafter österlichen Friedens

Steinmann:
Herr Professor Rademann, ich habe vorhin schon erzählt, dass Sie über Ostern auf Konzertreise in den USA sind. Sie spielen in säkularen Konzerthäusern. Sind Sie trotzdem so etwas wie ein christlicher Botschafter?

Rademann:
Muss ich ja sein, wenn ich diese Musik aufführe, kann ich ja nicht einfach nur Töne von mir geben oder dem Ensemble schöne Musik abverlangen. Sondern wir spielen da zwei Werke, die von ihrem Wort-Ton-Verhältnis ganz eng verwoben sind und das nehme ich mir auch vor, bei jedem Konzert, dass ich da einen Inhalt transportiere.

Steinmann:
Die Johannespassion ist in die Diskussion geraten, weil sie natürlich in Anknüpfung an das Johannesevangelium auch antijüdische Passagen enthält. Wie gehen Sie damit um?

Rademann:
Wenn wir jetzt das Lutherjahr haben, da muss man ehrlich auch sagen, da war es ja genau das gleiche.
Da gab es ja wirklich ganz schlimmen Antisemitismus. Und sicherlich hat Bach darüber sich noch nicht so viel Gedanken gemacht, wie wir das heute machen. Aber ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass dahinter eine Haltung steckt, irgendwie jemand schlecht zu machen oder so. Das glaube ich eigentlich nicht. In den Passionen. Deswegen nehme ich das Werk auch wie es ist. Und ich schäme mich dann auch nicht dafür, dass das dann dort so drinststeht. Aber natürlich weiß man inzwischen darüber ein bisschen mehr als die Leute im 17. oder 18. Jh. wussten.

Steinmann:
Wenn Sie jetzt in den USA unterwegs sind. Wo liegt für Sie die Aktualität  Bachs für heutige Menschen, gerade jetzt?

Rademann:
In erster Linie glaube ich, dass es mein Anliegen, dass man die Bachsche Musik als Friedensmusik empfindet. Und da wird natürlich in den h-moll Messe-Aufführungen ein ganz starker Fokus liegen gerade auf dem "Dona nobis pacem'. Gerade in der Zeit der starken Sprüche und der selbst fest gelegten Wahrheiten - sag ich mal, die müssen ja nicht stimmen, Hauptsache man behauptet, das stimmt - denke ich, kann das schon den einen oder anderen auch zum Nachdenken bringen. Darauf würde ich schon sehr sehr starken Wert legen.

Und bei der Passion natürlich, die Klarheit herauszuarbeiten, auch von dem, was Johannes sich vorgestellt hat. Einfach die Plausibilät der Gedanken, das fängt im Eingangschor schon an, dass die zwei Schlüsselworte miteinander kombiniert sind, die ganz gegensätzlich sind, nämlich die größte Niedrigkeit ist eine Herrlichkeit, in der Jesus ist. Und unsere Niedrigkeit ist dann eine Höhe. Wir bekommen dadurch eine andere Position, dass Jesus für uns in die Tiefe geht. Und das kann man schon musikalisch plausibel rüberbringen.

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Musikangaben:
BWV 23  Rezitativ “Ach, gehe nicht vorüber” 
track 7   aus CD Bach cantatas          
Vol 8 (BWV 22,23,75) Bach Collegium Japan; Suzuki  
EAN 7 31859 000901 7

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